Routine: zunehmend im Umgang mit dem Handy und immer weniger im Straßenverkehr

Sicherheitsfaktor Mensch

„Null Verkehrstote – das ist das Ziel.“ Große Worte von Verkehrsminister Andi Scheuer bei der Vorstellung des Verkehrssicherheitsprogramms der Bundesregierung für dieses Jahrzehnt. Blickt man auf die Entwicklung im zurückliegenden Jahrzehnt, zeigt sich, wie weit dieser Weg ist. 2010 gab es 2,4 Millionen Verkehrsunfälle mit 288.000 Verunglückten und 3.648 Verkehrstoten. Im Jahr 2019 waren es 2,7 Millionen Unfälle, 387.000 Verunglückte, 3.046 Tote. 2020 kann wegen der Auswirkungen der Pandemie kaum zählen.

Ursachen für diese allenfalls gemischte Bilanz mag es viele geben. Und ebenso viele Ansätze zur Verbesserung der Situation lassen sich finden. So setzt die Bundesregierung auf den Faktor Technik, um den (Risiko-)Faktor Mensch zu entschärfen: Ausbau von Fahrassistenzsystemen (Abbiege-Assistenten bei Lkw allen voran), Investitionen in automatisiertes Fahren – denn Autos fahren allein besser als Menschen – und in Infrastruktur (Telematik). Auch Programme speziell für den Ausbau des Radverkehrs oder für die sichere Teilnahme von Fußgängerinnen und Fußgängern am Straßenverkehr sind richtig. Denn ganz ohne den Faktor Mensch kann das beste Verkehrssicherheitsprogramm eben nicht auskommen.

Erfahrung sammeln? Gar nicht so einfach

Wenn Technik Menschen entlasten und ihre Sicherheit erhöhen soll, müssen die Menschen eben doch den Umgang mit dieser Technik lernen, beispielsweise in der Fahrausbildung. Und noch wichtiger wird lebenslanges Verkehrslernen. Denn die Erfahrung der Menschen im Umgang mit dem „komplexen System“ Verkehr am Anfang ihres Lebens, als Kinder, als Jugendliche sinkt. Erfahrung heißt: durch Anschauung, Wahrnehmung, Praxis und Wiederholung Routine entwickeln. Damit Kinder und Jugendliche Erfahrungen im Straßenverkehr sammeln können, ist die aktive Teilnahme am Straßenverkehr und wo immer möglich auch die bewusste passive Teilnahme sehr sinnvoll. Klingt banal.

Doch zunehmend bewegen Kinder und Jugendliche sich nicht mehr im Straßenverkehr, sie werden bewegt. Von zu Hause zur Kita, von der Schule zum Sportplatz, vom Reitunterricht zur Freundin oder zum Freund. Der Begriff der Elterntaxis bezieht sich ja keineswegs nur auf das Pendeln zur Schule. Er geht weit darüber hinaus. Eltern machen es ihren Kindern damit bequem und hoffen zudem, dass es ein Plus an Sicherheit für sie gibt. Doch das ist langfristig falsch. Denn damit werden Kinder zu Unselbstständigkeit erzogen und eben nicht zur eigenen, sicheren Bewegung im Straßenverkehr. Auch das ist keineswegs neu.

Verkehrsunfälle 2019

 

 

„Null Verkehrstote – das ist das Ziel.“

Verkehrsminister Andi Scheuer

 

Das mit dem Smartphone

Es kommt in den vergangenen gut zehn Jahren aber noch etwas Anderes erschwerend hinzu: das Smartphone. Und zwar in der Hand, und dazu Kopfhörer im Ohr. Selbst in Bus, Bahn oder Auto nehmen wir nicht mehr am Straßenverkehr teil, nicht einmal mehr passiv durch Beobachtung. Wir sind beschäftigt mit dem Smartphone, die Konzentration immer mindestens geteilt. Eltern sind die wichtigsten Vorbilder für ihre Kinder. Nochmal 5 Euro fürs Phrasenschwein.

Doch auch uns fällt es immer schwerer, den Blick vom Smartphone zu wenden. Die bewusste Wahrnehmung der Umwelt bleibt damit auf der Strecke. Das mag für uns Erwachsene noch angehen, weil wir es in der Vor-Smartphone-Ära anders gelernt haben. Doch heutigen Kindern und Jugendlichen wird es vermutlich schwerer fallen, das komplexe System Verkehr sicher zu beherrschen. Vielleicht ist das jetzt auch schon ein Grund dafür, dass die Zahl derjenigen, die bei den Führerscheinprüfungen durchfallen, stetig steigt.

Raus aus dem Auto – rein in den Straßenverkehr

Was können wir tun? Da eine bewusste passive Teilnahme am Straßenverkehr – also zumindest mit dem Blick aus dem Fenster des Autos – kaum noch funktioniert, muss es erst recht die aktive Teilnahme sein. Als Fußgänger, Radfahrerin, auf dem Pedelec oder E-Scooter, bei der Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln. Das hat noch einen weiteren großen Vorteil: den Perspektivwechsel. Wer nicht nur Auto fährt, sondern genauso oft radelt oder zu Fuß geht, nimmt den Verkehr automatisch ganz anders wahr, als wenn wir nur ein Verkehrsmittel benutzen.

Also erstens:

Weg mit dem Mobiltelefon. Benutzt das Mobiltelefon nur, wenn Ihr euch nicht bewegt. Und: Raus aus dem Auto! Das ist nicht nur gut für die Umwelt im Sinne von mehr Umweltschutz, sondern auch gut für die Wahrnehmung der Umwelt – und damit für ein bisschen mehr Verkehrssicherheit. Gut für die Fitness ist es obendrein. Da können wir Eltern hervorragende Vorbilder sein.

Klingt alles einfach. Und ist es auch. Jedenfalls viel öfter, als wir es praktizieren. Denn auch wir sind leider zu oft zu bequem.

Autor des Beitrags

JÖRG MEYER ZU ALTENSCHILDESCHE

JÖRG MEYER ZU ALTENSCHILDESCHE

Pressesprecher

Ich wohne an der holländischen Grenze, was ich gut aushalte, da ich Fritten Spezial mag, in Köln arbeite und deshalb jeden Tag den Dom sehe. Ich bin Pressesprecher, spreche aber nicht nur, sondern schreibe auch gern – und das seit fast 50 Jahren. Viele Themen, die mich bewegen, waren damals schon spannend: Fußball oder Umweltschutz, Globalisierung oder Mobilität, soziale Gerechtigkeit, Digitalisierung oder gleich die ganze Welt.

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