TÜV Rheinland ist ein Ingenieursladen. Da. Ich habe es gesagt. Natürlich arbeiten hier nicht nur Ingenieure. Und natürlich sind unter diesen Ingenieuren auch Ingenieurinnen. Nur eben nicht so viele, wie wir uns wünschen würden. Fragen Sie mal unsere Diversity Managerin.

Die Feministen unter den Führungskräften

Ja, wir achten auf Diversity, haben Coaching-Programme für Frauen, und tatsächlich unter den männlichen Führungskräften auch Feministen (mein Chef zum Beispiel). Und natürlich haben wir weibliche Führungskräfte. Dass das für die Kolleginnen nicht immer einfach ist, muss ich Ihnen nicht erzählen. Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich oft der einzige Farbtupfer unter den grauen Herren bin und natürlich sowieso mit dem Thema Social Media eine Sonderstellung habe. Die mag ich auch ganz gern. Passt dann auch gut zum Thema Sneaker-New-Work-mit-dem-Rad-zur-Arbeit.

Woran ich mich in den letzten Jahren als Führungskraft nicht gewöhnen konnte: Unmoralische Angebote, ins Hotelzimmer von Kollegen aus anderen Unternehmen zu kommen und Einladungen zum Eis essen, während mein Rechner fit gemacht wird. Oder mein Highlight der Vergangenheit: Die Frage des Kollegen aus der Agentur, ob wir den Lenkdrachen – der erste Preis eines Social Media Gewinnspiels – nicht gemeinsam auf Sylt testen wollen.

Ist doch gar nicht so schlimm …(?)

Ja, vermutlich schmunzeln Sie jetzt und denken sich: „Na, das ist doch gar nicht so schlimm, sie könnte ja auch einfach ‚Nein danke‘ sagen oder sich über das versteckte Kompliment freuen.“ Und vielleicht soll ich dabei auch noch lächeln? Oder Sie haben den Impuls: “Kann man(n) denn gar nichts mehr fragen?“ Doch, kann Mann. Überlegen Sie doch einfach, ob es angemessen wäre, diese Fragen einem männlichen Kollegen zu stellen oder ob Sie sich das gar nicht vorstellen können. Wenn ja, dann haben Sie die Antwort. Wenn nein, dann aber auch.

Ich schmunzle auch. Aber eher darüber, dass Männer ungläubig gucken, wenn ich diese Geschichten erzähle und sie den Wahrheitsgehalt anzweifeln. Allerdings: Ich kenne keine Frau, die nicht schon den einen und den anderen #metoo-Moment erlebt hat. Und das muss gar nicht das Bild des Hotelzimmerbetts in einem XING Nachrichtenverlauf sein, bei dem es eigentlich um die nächste Social Media Konferenz geht. Das geht viel subtiler. Auch wenn ich viele dieser Momente wegstecke und sie mich nicht tangieren, sind sie da. Und vielleicht berühren sie eine andere Frau umso mehr.

„Und wo ist das Förderprogramm für Männer?“

Was immer passiert, und damit meine ich immer, täglich, ausnahmslos: Der Moment, in dem ich als Frau gelobt werde, dass ich „ja wirklich überzeugt habe“; der Moment, in dem im Nebensatz mitschwingt „dass sie ja nur dabei war, weil sie eine Frau ist“.
Ätzend sind auch die Momente, in denen auf die bloße Erwähnung des speziellen Frauencoachingprogramms bei TÜV Rheinland reflexartig entgegnet wird: „Und wo ist das Förderprogramm für Männer?“ Oder etwa der Moment, in dem ich gefragt werde, wie es denn „dem armen einzigen Mann in meinem siebenköpfigen Team gehe“ – Das ignorier ich nicht einmal. Schließlich noch der Moment, in dem argumentiert wird, „dass natürlich in der Kommunikation viele Frauen arbeiten, die reden ja eh so viel“.

Erstaunlich, dass fast immer die Männer das letzte Wort haben.

Feminismus, Gleichstellung von Männern und Frauen am Arbeitsplatz (das Thema Elternzeit spreche ich gar nicht erst an) und Frauenförderung sind nicht sinnlos. Sind nicht veraltet. Sie sind wichtig, extrem wichtig. Als ich gestern von meinem (männlichen) Kollegen erfahren habe, dass in den Unternehmen und Teams, die an Künstlicher Intelligenz forschen und diese entwickeln, nur 20 Prozent Frauen arbeiten, da wurde mir angst und bange. Ob die KI dann blaue oder rosa Strampelanzüge trägt, bleibt dahingestellt. Aber Sie verstehen schon, worauf ich hinaus will. Und deshalb ist es eben nicht sinnlos, darauf zu achten, gleich viele Männer und Frauen auf dem Podium zu haben, die Redezeit gleich zu verteilen und eben immer die extra Meile zu gehen, um den Ausgleich zu schaffen. Das sollte nicht anstrengend, sondern selbstverständlich sein. Deshalb arbeiten wir im TÜV Rheinland Newsroom auch immer weiter daran – Frauen und Männer.

Männer als Feministen?

Die Beispiele hier sind (leider) nicht frei erfunden, sondern entsprechen alle der Realität. Sie entsprechen meiner Realität als Frau, als Head of Social Media, als Schwester, als Tante, als Kollegin, als Coachin und Kummerkasten für Freundinnen, als Tochter und als großer Fan dieses Artikels von Margarete Stokowski: Wie kann ich als Mann Feminist sein?

Schauen Sie mal rein, vielleicht war Ihnen das ein oder andere auch noch nicht klar. Und wenn Sie Fragen haben, fragen Sie. Ich antworte gern.

Und wenn Sie noch tiefer in die Materie einsteigen möchten, dann empfehle ich Ihnen gleich auch noch das Buch von Sophie Passmann: „Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch.

Autorin des Beitrags

Anna Linn Zafiris

Anna Linn Zafiris

Head of Social Media

Anna Linn Zafiris ist Head of Social Media innerhalb des Newsrooms. Sie ist mit Herz und Seele Kölnerin. Punkt. Das heißt nicht, dass sie nicht liebend gerne den Kölner Dom gegen Aussichten auf Tempel, Vulkane, Safari-Jeeps oder Kängurus eintauscht. Aber am Ende der Reise freut sie sich immer sehr, den Kölner Fernsehturm Colonius in ihrer Nachbarschaft wiederzusehen. Wenn sie nicht Bilder von veganem Essen oder Streetart bei Instagram postet, dann ist sie meist auf einem ihrer Fahrräder, auf Flohmärkten, beim Spazieren durch Köln oder bei ihrer zweiten großen Leidenschaft neben dem Radfahren, nämlich im Yoga-Studio zu finden.

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