Die mangelhafte Pünktlichkeit bildet immer wieder einen zentralen Kritikpunkt an den Leistungen der Bahn. Zu Recht. Aber Hand aufs Herz: Ist die Autobahn in dieser Hinsicht eine Alternative zur Bahn? Ein Jahr als Selbstversuch.
Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.
Pippi Langstrumpf

Ich liebe meine Arbeit und mein Zuhause gleichermaßen. Ich muss mich da auch nicht zerreißen: Denn obwohl ich am Niederrhein wohne und im Kölner Süden arbeite, kann ich jeden Bürotag die knapp 70 Kilometer zwischen beiden Orten bewältigen. Es gelingt mir hervorragend, die vielen Nachteile auszublenden, die das Pendeln mit sich bringt. Einer davon: Ich habe einmal Fahrtenbuch geführt und festgestellt, dass ich Jahr für Jahr fast 14 Tage auf der Fahrt zur oder von der Arbeit verbringe. 326 Stunden pro Jahr.

Nur ein Drittel aller Fahrten staufrei

Jeder Vielfahrer und jeder Autobahnpendler kennt das Gefühl: Warum ist der Stau eigentlich immer genau da, wo ich gerade bin? Die Antwort ist schlicht, hat aber gar nichts mit einem selbst zu tun: Der Stau ist nur deshalb immer dort, wo ich gerade bin, weil fast immer und überall Stau ist. Zumindest in Nordrhein-Westfalen, zumindest zur Rushhour. Ich selbst schaffe es nur, ein Drittel aller Fahrten staufrei zu bewältigen (wobei ein paar Minuten Stop-and-go im Autobahnkreuz natürlich nicht als Stau zählen, bitte). 4 bis 5 Kilometer Stau erlebe ich jeden Tag. Stau als Routine.

„Mobiles Leben“

Alles schlimmer als früher? Ja. Die Kolleginnen vom Ressort „Mobiles Leben“ – welch wunderbar ironischer Ressortname an dieser Stelle – der Süddeutschen Zeitung haben mir Ende Mai einmal die Augen geöffnet: 2012 gab es 640.000 Kilometer Stau auf deutschen Autobahnen. 2018 waren es 1.529.000 Kilometer. 2012 gab es 311.000 Meldungen von Staus, sechs Jahre später waren es mehr als doppelt so viele. Mittendrin: ich. Und all‘ die anderen auch. Wo wollen die alle hin, fragt man sich? Und wo kommen die her?

Doch mal ehrlich: Dieses Pendlerschicksal ist vielfach selbst gewählt. Niemand zwingt uns dazu, zumindest dürfte dies die Regel sein. Was mich als freiwilliger Autovielfahrer massiv ärgert, ist deshalb eher das Geschimpfe auf die schlechte Infrastruktur in Deutschland. Und noch besser finde ich das Geschimpfe auf die deutsche Bahn – obwohl wir Autofahrer sie doch fast gar nicht nutzen. Die Bahn ist keine ernsthafte Alternative. Komfort, Kosten, Pünktlichkeit bei der Bahn? Reden wir lieber nicht darüber.

Doch ist diese Kritik zutreffend? Wie sieht es mit der Pünktlichkeitsrate bei der Bahn im Vergleich zur Autobahn aus? Nun, mit etwas Mühe lässt sich dies – selbstverständlich ganz individuell für mich, aber doch genau – nachrechnen. Ich habe den Selbstversuch gemacht. Ein Jahr Fahrt mit dem Auto zur Arbeit, von den fast 70 Kilometern Strecke sind auch fast 70 Kilometer auf der Autobahn.

Pünktlichkeitsrate mit der Bahn liegt bei 75 Prozent

Die Testbedingungen übernehmen wir von der Deutschen Bahn. Ein Halt wird als pünktlich gewertet, wenn die planmäßige Ankunftszeit um weniger als 6 Minuten überschritten wurde, heißt es dort. 5 Minuten Verspätung lassen wir also noch durchgehen. Okay. Die Bahnbilanz 2018: 75 Prozent Pünktlichkeit im Fernverkehr, insgesamt im Personenverkehr knapp 94 Prozent. Und wie sieht es mit meiner Autobahn-Pünktlichkeitsquote aus? Nehmen wir das Navi in meinem Auto, benötige ich für die einfache Strecke 42 Minuten. Nehme ich Google-Maps als Maßstab, soll ich 50 Minuten für meine Strecke von Zuhause ins Büro benötigen. Also nehme ich einmal den „günstigesten“ Fall, um meine Erfolgsquote zu verbessern: Also alles bis 55 Minuten für eine Fahrtstrecke gilt in meinem Test als pünktlich.

Pünktlichkeitsrate auf der Autobahn liegt bei 49 Prozent

Aber wie wohlwollend ich auch rechne: Ich schaffe auf der Autobahn nur eine Punktlichkeitsrate von 49 Prozent. Alles in allem dauert eine Fahrtstrecke im Durchschnitt bemerkenswerte 63 Minuten statt 50 Minuten (oder gar 42 Minuten), wie es sich die Navigationssysteme wünschen, wäre meine Strecke frei. Ja, wäre sie doch nur einmal frei. Aber das ist sie eben nur in jedem zweiten Fall. Stattdessen schaffe ich es auch schon einmal problemlos, zwei Stunden für eine Fahrtstrecke zu benötigen.

Was tun? Nachteile schönreden

Werde ich darauf reagieren, mein Pendlerfahrverhalten ändern? Nein. Ich mache es eher, wie viele andere auch: Ein bisschen Flexibilisierung meiner Fahrzeiten hier, ein bisschen mehr Schönrednerei dort. Wie alle anderen im Stau, versuche ich eher in den Schulferien zur arbeiten – der August ist tatsächlich ziemlich staufrei – und rede mir die Autofahrten schöner, als sie sind. Man kann ja viel WDR 5 hören oder Hörbücher oder feine Musik zum Entspannen. Man kann ja auch so richtig runter kommen und gut nachdenken, Probleme lösen, telefonieren, etwas arbeiten, soweit das möglich ist. Aber will irgendjemand irgendetwas davon wirklich gern im Auto tun? Ich jedenfalls nicht. Eigentlich. Entspannen hört sich eher nach Hängematte an als nach Stau auf der A4. Ganz abgesehen von dem Stress, den die Fahrten wirklich verursachen.

Aber wenigstens schaffe ich es jetzt einmal, mit etwas mehr Realismus auf das eigene Automobilitätsverhalten zu blicken. Und mit etwas mehr Ehrlichkeit auf all die Kritik an der Infrastruktur in Deutschland. Denn wie gesagt: Wir sind der Stau.

Autor des Beitrags

Jörg Meyer zu Altenschildesche

Jörg Meyer zu Altenschildesche

Pressesprecher

Mein Name ist Jörg Meyer zu Altenschildesche. Ich wohne an der holländischen Grenze, was gut auszuhalten ist, da ich Fritten Spezial mag, in Köln arbeite und deshalb jeden Tag den Dom sehe. Ich bin Pressesprecher bei TÜV Rheinland, spreche aber nicht nur, sondern schreibe auch gern – und das schon seit über 40 Jahren. Natürlich gab es damals noch keine Computer oder so etwas (zumindest nicht bei uns zu Hause; immerhin hatten wir viele Lochkarten zum Spielen, weil mein Vater in einem Rechenzentrum gearbeitet hat). Aber viele von den Themen, die mich bewegen, waren damals auch schon spannend (oder sie wurden es sehr bald). Fußball oder Umweltschutz, Globalisierung oder Mobilität, dieses geniale Internet oder gleich die ganze Welt.

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