Felix Weisbrich, Leiter des Grünflächen- und Straßenverkehrsamtes im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, sah die Chance, die sich durch die Corona-Krise für den Radverkehr bot. Da sich auf den meisten Radwegen das Abstandsgebot nicht einhalten ließ, verwandelte er Autofahrspuren in Pop-up-Radwege. Eine temporäre Einrichtung, die auf Dauer baulich verstetigt werden soll.

Zunehmendes Gedränge auf den Radwegen

Wie abends auf dem Dorf, kam es mir den Sinn, als ich gegen 20 Uhr aus der Haustür trat. Vielleicht 200 Meter voraus gingen noch zwei Personen. Auf der zweispurigen Straße fuhr ein Auto vorbei. Danach kam lange nichts. Der Shutdown am 18. März hatte sogar Berlin zum Dorf gemacht. Auch tagsüber stand die Stadt nahezu still. Die Beschäftigten der meisten Unternehmen waren schon im Homeoffice. Die Mitarbeitenden der Krankenhäuser, Verkehrsbetriebe, Kraftwerke, Lebensmittelhersteller und anderer systemrelevanter Branchen und Tätigkeiten, darunter auch Prüfer*innen und Prüfsachverständige von TÜV Rheinland, sorgten dafür, dass alles Unverzichtbare auch weiterhin funktionierte und verfügbar blieb.

Die Stadt hatte sich rasant der AHA-Regel angepasst: Abstand, Hygiene, Alltagsmasken. Da Abstand zu anderen das Gebot der Stunde war, fuhren Busse, S-, U- und Straßenbahnen nahezu menschenleer durch die Stadt. Wer zur Arbeit musste oder etwas zu erledigen hatte, nahm lieber das Auto oder stürzte sich mit dem Fahrrad ins Gedränge, das auf den Radwegen mit der Corona-Pandemie noch einmal schlagartig zugenommen hatte.

Radwege kurzerhand verbreitert

Mit einem Trupp Straßenbauarbeiter im Gefolge trat plötzlich ein weitgehend unbekannter Mann ins Rampenlicht: Felix Weisbrich, der Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Insider wussten immerhin, dass er die Verkehrsflächen anders aufteilen möchte. Sein Plan: Der Radverkehr bekommt neue und auch breitere Radwege, der dafür benötigte Platz wird dem Autoverkehr weggenommen. Wie der parteilose Weisbrich sich das vorstellte, demonstrierte er bei seinem ersten größeren öffentlichen Auftritt. Alles ging ziemlich schnell. Der Trupp der Straßenbauarbeiter an Weisbrichs Seite hatte nur das dabei, was auch sonst zum Absichern einer Baustelle gebraucht wird. Nach getaner Arbeit markierten in beiden Fahrtrichtungen links und rechts vom Landwehrkanal in Kreuzberg Warnbaken und eine durchgezogene Linie aus gelber Folie die jeweils rechte Fahrspur. Vom Autoverkehr war die Spur kurzerhand abgezwackt und in einen über zwei Meter breiten provisorischen Radweg verwandelt worden. Der erste Pop-up-Radweg Europas war entstanden. Wobei das Wort Pop-up in seiner Bedeutung für kurzfristig und schnell eingerichtet steht.

Vom Forstwirt zum Verkehrspolitiker

Bis vor wenigen Monaten kannten nur Menschen aus Felix Weisbrichs persönlichem oder beruflichem Umfeld mehr als seinen Namen. Manche kannten ihn als Förster von Bad Doberan in Mecklenburg-Vorpommern, andere hatten es eventuell mit ihm während seiner Zeit als Referent im Landwirtschaftsministerium in Schwerin zu tun. Mittlerweile kennt ganz Berlin den 47-jährigen Amtsleiter. Quasi über Nacht wurde der studierte Forstwirt zum europaweit gefragten Verkehrspolitiker. Und Berlin katapultierte sich mit der innovativen Idee der Popup-Radwege im Ranking der fahrradfreundlichsten europäischen Städte weit nach oben.

Corona-Krise als Chance

Weisbrichs disruptive Idee verwandelte die Corona-Krise in eine Chance, mit der der Behördenleiter für die 2,3 Millionen Berliner Radfahrer innerhalb weniger Wochen bereits mehr erreicht hat als der rot-rot-grüne Senat mit seinem Mobilitätsgesetz, das vor gut zwei Jahren verabschiedet wurde. Das Gesetz sieht unter anderem vor, dass alle Hauptverkehrsstraßen durch Poller geschützte Radwege bekommen. Bis jetzt ist jedoch so gut wie nichts passiert, außer dass die Fahrbahnen mancher Radwege grün gestrichen wurden.

Berliner Radfahrer erhalten mehr Platz

„Pandemieresiliente Infrastruktur“

Nun entstehen fast überall in der Stadt aus Autofahrspuren Pop-up-Radwege, auch temporäre Infrastruktur genannt. Mit temporär ist jedoch nicht gemeint, dass die neuen Radwege nach der Pandemie wieder verschwinden werden. Die Radwege gelten solange als temporär, bis sie baulich verstetigt worden sind.

Was Ende März wie eine Guerilla-Aktion aussah, markiert für Felix Weisbrich den Anfang der Verkehrswende in Berlin. In der Verwaltung spricht man übrigens von pandemieresilienter Infrastruktur.

Das Abstandsgebot der Corona-Pandemie ist die Rechtsgrundlage, auf der Weisbrichs Idee der Pop-up-Radwege fußt. Seine Argumentation ist, dass Fahrrad-Mobilität in Zeiten von Covid-19 nur möglich ist, wenn auch Radfahrerinnen und Radfahrer zum Infektionsschutz untereinander das Abstandsgebot von 1,5 Meter einhalten können. Da sich der vorgeschriebene Abstand beim Überholen auf schmalen Radwegen nur selten einhalten lässt, habe er als verantwortlicher Leiter für den Straßenverkehr handeln müssen. Außerdem wollte er damit verhindern, dass umweltbewusste Bürger, die aus Sorge vor einer Infektion den öffentlichen Nahverkehr meiden, aufs Auto umsteigen.

Auf dem Weg zu mehr Flächengerechtigkeit

Um den dahinterstehenden verkehrspolitischen Ansatz zu beschreiben, benutzt der Forstwirt gern Bilder und Vokabular aus der Landwirtschaft: „Wer Infrastruktur sät, wird entsprechende Nachfrage ernten. Wer breite Straßen baut, kriegt viel Autoverkehr. Wer Radfahrstreifen ausweist, bekommt Radfahrer“, erklärt Felix Weisbrich. Seit Jahresbeginn hat der Radverkehr in Berlin nicht nur um 25 Prozent zugenommen. Sicherer ist Radfahren ebenfalls geworden.

%

hat der Berliner Radverkehr zugenommen

Mobilitätskonzepte der Zukunft

Der Amtsleiter will in der Mobilität mittelfristig Flächengerechtigkeit herstellen. Momentan werden in Berlin ein Drittel aller Wege mit dem Pkw zurückgelegt, zwei Drittel dagegen per öffentlichem Personennahverkehr, mit dem Rad oder zu Fuß. Die Flächenverteilung ist jedoch genau umgekehrt. Moderne Mobilitätskonzepte und der bislang stetig zunehmende Radverkehr sollen und werden Felix Weisbrich dabei helfen, die Verhältnisse zurechtzurücken.

Autor des Beitrags

Wolfram Stahl

Wolfram Stahl

Pressesprecher Berlin

Pressesprecher am Standort Berlin. Früher Hörfunk-Redakteur, Reporter und Moderator beim WDR in Köln, dann Korrespondent in Berlin. Einer, der von Vielem wenig und von Wenigem viel weiß. Deshalb bestens geeignet als Generalist, dafür ziemlich talentfrei Spezialist. Besondere Fähigkeit: sich rasch in ein Thema einzuarbeiten nach der Devise: Einfach machen! Im doppelten Sinne. Denn nichts ist so kompliziert, als dass es nicht verständlich gemacht werden könnte. Und da Ungeduld eine meiner größten Stärken ist, fällt mir Machen sowieso leichter als Warten.

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