Schon mal gehört, den Begriff Klimaresilienz? Nein? Dann bist du wahrscheinlich kein Hedgefonds-Manager, Finanzinvestor und auch nicht im Team von Warren Buffett für innovative Finanzprodukte verantwortlich.

 

Mitte der neunziger Jahre schrieben die Wissenschaftler Amory und Hunter Lovins das Buch „Faktor Vier“. Das amerikanische Ehepaar stellte die These auf, dass erst dann in Umweltschutz investiert wird, wenn die Investition ins Energiesparen mehr abwirft als die Energie zu verbrauchen – und zwar müsse der Gewinn um den Faktor vier höher sein, um in zero-emission Wohnhäuser, Kühlschränke und Straßenbeleuchtungen zu investieren. Wie wir heute wissen, hatten die beiden Recht und der Energiepreis spielte dabei nur eine eher untergeordnete Rolle. Der Faktor Vier – man könnte auch sagen die Gier – ist dagegen entscheidend bei einer klimafreundlichen Investitionsentscheidung.

Finanzinvestoren sind keine Gutmenschen, Weltverbesserer oder Klimaschützer, sie glauben an den kurzfristigen Gewinn, der langfristig abgesichert werden muss. Es gibt bestimmt auch Ausnahmen, ich spreche hier von der übergroßen Mehrheit, allerdings will ich das an dieser Stelle gar nicht verurteilen, sondern nur feststellen.

Wenn also die Wall Street Geld in LED-Lampen, E-Mobilität oder Null-Energie-Siedlungen investiert, dann, weil das mehr Rendite bringt als Gold, Steinkohle oder Waffen.

Was hat der Kaffeebauer mit Warren Buffet zu tun?

Als ich den Begriff Klimaresilienz im Zusammenhang mit Finanzinvestoren zum ersten Mal gehört habe, dachte ich: interessant. Bis dato kannte ich Klimaresilienz aus den Berichten von Entwicklungshilfeorganisationen. Ein Beispiel ist eines der Themen aktueller Entwicklungszusammenarbeit: Wie kann die Kaffeeproduktion so verändert werden, dass die Kaffeeanbaugebiete in Guatemala oder Nicaragua im Klimawandel bestehen, die Pflanzen und Bohnen also klimaresilient werden und weiter verwertbare Ernten liefern?

Was hat der Bauer in Nicaragua jetzt mit Warren Buffett zu tun? Letzterer beackert höchstens Quartalsberichte mit mir unbekannten Algorithmen, um Investitionsentscheidungen zu treffen, die Berkshire Hathaway an der Spitze der erfolgreichsten Fonds hält und ihm selbst ein unfassbar großes Vermögen gebracht hat.

Ganz einfach: Klimaresilienz entwickelt sich gerade zu einer Finanzkennzahl, vermutlich sogar zu DER Finanzkennzahl.

Untergehen oder erfolgreich sein

Die Frage dahinter ist schlicht: Überlebt Coca-Cola mit seinem Geschäftsmodell den Klimawandel und wie werden Nestlé, Sanofi, BMW, General Electric, Alibaba, Immobiliengesellschaften mit ihren Strategien oder gleich ganze Volkswirtschaften (und deren Rentenanleihen) den Klimawandel bewältigen?

Untergehen oder erfolgreich sein, für den Hedgefonds gibt es nur diese beiden Wege. Anders formuliert: Wie resilient sind Unternehmen und wie lange lohnt sich daher die Investition in sie?

Auf nichts reagieren Manager schneller als auf den Entzug von Geld und das Sinken des Aktienkurses. Um es mit Michael Milken zu sagen: “Finance is a craft that can become an art with skill and proper application.”

Bertold Brecht formulierte es grundsätzlicher: „Besser als eine Bank überfallen ist, eine Bank zu gründen.“ Und das meint nicht nur, dass es leichter ist, aus viel Geld noch mehr Geld zu machen, sondern drückt auch die Macht des Geldes aus.

Was Regierungen, Bürokraten und Politiker nicht schaffen, das schafft eine schlichte Finanzkennzahl, die simple Frage in der Investor Relations Telco bei der Präsentation der nächsten Quartalszahlen: „Wie klimaresilient ist Ihr Unternehmen?“

Die Antwort der Wall Street auf den Klimawandel

Faktor Vier aus den Neunzigern ist längst Realität. Bald werden Unternehmen und deren Aufsichtsräte merken, dass sie nur noch dann Geld von ihren Investoren bekommen, wenn sie klimaresilient sind. Und dann werden sie es werden – oder verschwinden.

Egal was amerikanische, chinesische oder brasilianische Regierungen für einen Unsinn über den nicht vorhandenen Klimawandel, Erderwärmung und die Folgen verzapfen.

Wenn die Finanzindustrie über Klimaresilienz spricht, bedeutet das nichts anderes, als dass der Klimawandel Realität ist. Die Kennzahl ist lediglich die Antwort der Wall Street darauf. In London, Manhattan oder bei Berkshire Hathaway sind keine Grünen am Schalthebel, sondern es sind immer noch dieselben Mechanismen, die die Händler antreiben: Wo kann man die beste Rendite erwirtschaften, ohne gleich ins Gefängnis zu müssen?

Vielleicht lohnt es sich, bei Investoren genauer hinzuhören, welche Veränderungen sie durch Erderwärmung und Klimawandel sehen und welche Unternehmen und Volkswirtschaften sie für klimaresilient halten.

Ich jedenfalls werde genau das tun.

Autor des Beitrags

Hartmut Müller-Gerbes

Hartmut Müller-Gerbes

Pressesprecher

Gestartet als Journalist bei RTL, die andere Seite der Kommunikation als Sprecher von Peer Steinbrück gelernt und seit fast einem Jahrzehnt bei TÜV Rheinland als Konzernsprecher. Technik muss dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Und nicht alles, was machbar ist, darf auch gemacht werden. Das sind für ihn wichtige Leitgedanken beim Bloggen. Diskutiert wurde bei ihm schon in der Kindheit in der Großfamilie mit acht Kindern und Erwachsenen um den Tisch. Die Wochenenden gehören dem Mountainbike und den Bergen, vom Kölner Umland bis zu den Alpen und Südtirol. Digital bin ich wahrscheinlich ein Spätberufener, vertrete die Generation ab 49, bin also eher nachdenklich und nehme mir länger Zeit, um dann aber weniger zu sagen. Ganz nach dem Motto: „Ich kann über jedes Thema eine Stunde sprechen und wenn ich nachdenke, 10 Minuten.“

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