Unparteiisch, vorurteilsfrei, objektiv – so wünschen wir uns die nachrichtliche Berichterstattung. Das Urteil wollen wir uns dann bitteschön selbst bilden. Allerdings ist nicht nur die Auswahl des Berichtenswerten trotz aller redaktionellen Standards nie vollkommen objektiv möglich. Sondern auch scheinbar neutrale Begriffe prägen den Deutungsrahmen, in dem wir die Ereignisse sehen. „Framing“ („einrahmen“) wird das von der Kommunikationswissenschaft genannt.

Klimakrise – eine akkurate Beschreibung

Die britische Zeitung „The Guardian“ ist der Ansicht, dass sich die Wortwahl und damit der Deutungsrahmen zu einem der wichtigsten Themen unserer Zeit ändern sollten: „Klimawandel“ soll es möglichst nicht mehr heißen, empfiehlt seit kurzem der hauseigene Redaktionsstandard. Vielmehr würden die Begriffe „Klimakrise“ oder „Klimanotfall“ die Situation deutlich besser beschreiben. Statt „globale Erwärmung“ sei „globale Erhitzung“ akkurater, und „Klimaskeptiker“ würden besser als „Klimaforschungsleugner“ bezeichnet. Mit den neuen Begriffen wolle man „wissenschaftlich präzise“ sein, heißt es.

Hat sich das Leben des Eisbären „gewandelt“?

Darüber hat das Portal „Bento“, ein Online-Format von Spiegel Online, ein Interview mit der Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Wehling geführt. Sie sagt zum Beispiel: „Wenn ich mir anschaue, wie ein Eisbär vor 20 Jahren gelebt hat und wie es ihm heute geht, dann würde wohl kaum jemand sagen: ‘Das Leben des Eisbären hat sich gewandelt.’“ Das Zitat macht deutlich, worauf sie hinauswill: Das Wort Wandel ist zwar nicht falsch, aber „eine sehr neutrale Interpretation dessen, was derzeit geschieht. Und es beschreibt einen Prozess, bei dem nicht impliziert wird, dass der Mensch diesen Wandel von außen mitbedingt.“

Warming Stripes for Germany from 1881-2018
Warming Stripes for Germany from 1881-2018

Wirkungsvoll: Auf showyourstripes.info zeigt der Klimawissenschaftler Ed Hawkins mit den „Erwärmungsstreifen“, wie sich die Durchschnittstemperaturen weltweit seit mehr als 100 Jahren verändert haben. Jeder Streifen steht für ein Jahr, die Farbe gibt die Abweichung von der Durchschnittstemperatur 1971-2000 an. Mehr blau heißt: kälter als der Durchschnitt, mehr rot wärmer. Im Bild sind die Erwärmungsstreifen für Deutschland von 1881-2018 zu sehen; auf showyourstripes.info gibt es Daten für jedes Land.

Heiße Tage in Alaska

Wer nichts für Eisbären übrig hat, kann sich in diesem Beitrag der New York Times sehr beeindruckend darüber informieren, wie sich das Leben der Menschen in Alaska durch höhere Temperaturen schon jetzt verändert hat: Die zugefrorenen Flüsse sind dort eine wichtige und oft die einzige Versorgungsader für abgelegene Siedlungen, sie sind quasi die Highways durch die Wildnis. Doch 2019 ist das Eis schon im März statt im Mai getaut, wochenlang war es 20 Grad wärmer als für die Jahreszeit üblich. Und im Mai 2019 wurde in der Atmosphäre mehr Kohlendioxid gemessen als jemals seit Beginn moderner Aufzeichnungen.

Die Prüfbranche und der Umgang mit der Klimakrise

Was bedeutet das alles für die Kommunikationsabteilung bei TÜV Rheinland, in der ich arbeite? Erstens, dass wir intern darüber diskutieren müssen, wie wir über die Klimakrise schreiben oder sprechen. Denn auch für uns als Prüfunternehmen und für unsere Branche insgesamt wird das Thema immer wichtiger. Das hat erst gerade eine spannende Studie des Branchenverbands TIC Council gezeigt: Der Befragung von Entscheidern aus Unternehmen weltweit zufolge sind gerade Prüfunternehmen dabei gefragt, die Wirtschaft beim Umgang mit der Klimakrise zu unterstützen. Und zweitens bedeutet es, dass wir im Kommunikationsalltag scheinbar neutrale Begriffe immer wieder daraufhin prüfen müssen, ob sie noch das beschreiben, was wir eigentlich damit ausdrücken wollen. Denn alle, die kommunizieren, prägen den Deutungsrahmen und damit das Denken.

Autor des Beitrags

Alexander Schneider

Alexander Schneider

Unternehmenskommunikation

Als Redakteur in der Unternehmenskommunikation bei TÜV Rheinland tätig. Immer auf der Suche nach spannenden Geschichten und Themen, die sich gut erzählen lassen. Davon gibt es im Unternehmen reichlich. Von Haus aus Historiker mit einem Faible für Lateinamerika. Wollte immer was mit Medien machen und hat deshalb lange für ein bekanntes Verlagshaus im Frankfurter Gallusviertel gearbeitet. Lebt als Zugezogener sehr gerne in Köln, weil die Stadt der Beweis ist: Autosuggestion funktioniert. Nirgendwo sonst findet sich trotz so ausgeprägter Bausünden ein solcher Lokalpatriotismus. Und das macht einfach Spaß – ebenso wie das Radfahren zur Arbeit. Fällt inzwischen sogar schon bei Besuchen in Berlin als Kölner auf, weil er einfach mal mit den Leuten redet.

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