Ich habe eigentlich nur genau acht Sekunden Zeit, um Ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen und Ihnen im besten Fall einen Inhalt zu vermitteln. Und die dürften nun schon rum sein. Schön, dass Sie immer noch da sind. Ein „Dankeschön“ an dieser Stelle ist sicherlich angebracht.

Video – das Leitmedium im Web

Warum acht Sekunden? Nun ja – dies ist die Aufmerksamkeitsspanne, die der digitale Mensch laut einer Microsoft-Studie derzeit durchschnittlich zur Verfügung hat. Goldfische übertreffen uns übrigens dabei um eine Sekunde. Denken Sie ruhig mal daran, wenn Sie zu Hause ins Aquarium schauen. Schön – schon wieder acht Sekunden vorbei, und diesmal haben Sie vielleicht sogar etwas gelernt.

Um Aufmerksamkeit zu generieren, bieten sich Videos an – gerade wenn man nur acht Sekunden Zeit hat. Kein Wunder, dass Videos auch in der Lernwelt auf dem Vormarsch sind. Josh Bersin sagt sogar: „Video ist the new text.“ Hier eine Entwicklung auf dem E-Learning Markt, die Sie vielleicht interessieren könnte: Am 22. September 2016 hat LinkedIn die Lernplattform Lynda für 1,5 Milliarden Dollar übernommen. Ein Videolernportal mit mehr als 9.000 Videos (damals) und über 450 Millionen LinkedIn-Mitgliedern, die ihre Kompetenzen per Videokurs entwickeln können … Kurz darauf hat übrigens Microsoft LinkedIn für über 26 Milliarden Dollar gekauft.

Video ist das Leitmedium im Web: 78 Prozent der erwachsenen Internet-Nutzer schauen Online-Videos oder laden sie herunter (PEW Internet 2013).

Cisco nimmt an, dass 80 Prozent des gesamten Streaming-Volumens im Internet bis 2019 Videos sein werden. 2014 lag der Anteil bei 64 Prozent. Auch in Deutschland spiegelt sich dieser Trend wider.

Kleiner Leitfaden für Video-Kurse

Nun stellt sich eine wichtige Frage: Wie generiere ich nicht nur Aufmerksamkeits-, sondern auch Lernerfolge mit Videocontent? Wer Videos einsetzt, ist häufig mit dem Vorurteil des bloß „passiven“ Rezipierens oder des „Lernens aus der Konserve“ konfrontiert. Diese Gefahren bestehen zwar durchaus, aber viele Lehrende sind sich dessen sehr bewusst und entwickeln daher „jetzt erst recht funktionierende mediendidaktische Lernkonzepte“.

Ich möchte Ihnen als (Real-Video-)Kurs-Entwickler heute einen Grundleitfaden an die Hand geben, mit dem Sie ansprechende und nachhaltige Videokurse erstellen können. Halten sie nur kurz durch – das schaffen Sie – Sie sind besser als ihr Goldfisch!

Immer ins Schwarze zielen!

Kreieren Sie klare Lernziele und definieren Sie Lernerfolge für Ihre Zielgruppe. Machen Sie sich von Anfang an bewusst, wie diese aussehen können. Stellen Sie nicht nur sich selbst vor, sondern vermitteln Sie von Anfang an, was der Lernende am Ende des Videokurses wie erreichen soll. Wichtige Fragen, die Sie dem User beantworten müssen, sind zum Beispiel:

  • Worum geht es im Video?
  • Was soll damit erreicht werden?
  • Wie genau sieht der Bearbeitungsauftrag aus?

 

Küssen

Klingt gut – ist es auch: Sobald Sie Ihre Lernziele definiert haben, konzentrieren Sie sich auf die „KISS“-Regel: Keep it Short and Simple! Kurze Videos pro Sachverhalt und anschauliche Beispiele erhalten die Aufmerksamkeitsspanne und reduzieren gleichzeitig den cognitive load. Derzeit sind maximal zwei bis fünf Minuten Video pro Lernabschnitt bei großen Anbietern gängig; aber nichts spricht gegen noch kürzere Videoeinheiten zu einem Hauptthema. Halten Sie die Balance zwischen textlicher und visueller Darstellung. Im Zweifel ist es günstiger, weniger Text einzubauen: Der oder die Lernende sollte nicht erschlagen werden von zu viel Text und zu wenig bildlicher Darstellung.

Man wird ja wohl mal was sagen dürfen!

Nutzen sie die Macht der Stimme („voice-over“). Sie können visualisierte Darstellungen in Ihrem Video – zum Beispiel eine PowerPoint-Präsentation – mit Ihrer Stimme unterlegen und den Lerninhalt dadurch vermitteln. Erklärungen machen es einfacher, das Gesehene zu speichern. Achten Sie aber darauf, dass Bild und Ton zueinander passen und vermeiden Sie Redundanzen. Informationen sollten in Bild und gesprochenem Kommentar nicht doppelt kodiert werden. Videos liefern viele Details und haben einen hohen Realitätsgrad. Der Lernende muss dort die relevanten Informationen und zum Lernziel führenden Inhalte identifizieren; lenken Sie ihn daher mit Ihrer Stimme. Ein weiterer Vorteil: Wer den visuellen Abläufen nicht folgen kann oder permanent will, hat trotzdem Zugang zu den Inhalten – Stichwort barrierefreies Lernen.

Und Action!

Achten Sie auf Interaktivität. Das Video kann jederzeit gestartet werden und ist somit unabhängig von Personen, Zeit und Ort. Wichtig für eine interaktive Anwendung auf der Mirkoebene ist es, dass die Anwender das Video jederzeit starten und stoppen, vor- und zurückspulen und vielleicht sogar in der Abspiel-Geschwindigkeit verändern können – acht Sekunden sind schließlich schnell vorbei. Auch eine leicht navigierbare, übersichtliche Kapitelstruktur bzw. Gliederung sowie Links zu anderen Materialien und weiterführende Übungen unterstützen die Lernenden. Achten Sie darauf, das Video so aufzubereiten, dass die User möglichst einfach auf relevante Informationen zugreifen können. Die Formulierungen in Inhaltsverzeichnissen und Registern sollten möglichst alle relevanten Konzepte des Lerninhalts umfassen.

Werden Sie ruhig persönlich!

Ist eine Person (nicht ein Goldfisch) im Spiel, die die Inhalte lebendig vermittelt, wirkt sich dies Studien zufolge positiv auf den Lernerfolg aus. Die personalisierte Vermittlung erzeugt mehr Lernaufmerksamkeit und Lernererfolge halten sich länger. Darüber hinaus regen sie zur weiteren Interaktion an, zum Beispiel zum Austausch über Foren, zu weiterführenden Diskussionen oder Fragen.

Danke fürs Durchlesen, das nächste Mal gibt´s ein Video. Viel zu viel Text hier! Kann sich doch eh keiner drauf konzen… – Oh, ein neuer Büro-Goldfisch, wie süß…!

Autor des Beitrags

Tobias Hainke

Tobias Hainke

Projektmanager

Tobias Hainke ist Projektmanager in dem Digital Learning Team der TÜV Rheinland Akademie GmbH. Der Mensch und sein Lernen im Web 2.0 und weiteren Web-Generationen fasziniert den E-Learning-Spezialisten. Er skizziert dabei seine Motivation wie folgt: “Wie sich der Mensch als soziales Wesen in neuen Lernräumen bewegt und lernt, beeindruckt mich ebenso, wie die spannende Frage, neue Lehrformen beim TÜV Rheinland umzusetzen.“ Wenn sich Tobias Hainke einmal nicht mit Fragen des Blended Learning beschäftigt, dann zählen vor allem Reisen zu seinen Hobbies. So führte ihn seine letzte Reise beispielsweise mit einem Jeep durch Afrika, wo er sich von dem Wissen fremder Kulturen und der Schönheit der Landschaft besonders beeindruckt zeigte.

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