Mit einem Energiemanagementsystem nach der internationalen Norm ISO 50001 können Unternehmen ihre Energiebilanz verbessern, den CO2 Ausstoß verringern und durch den effizienteren Einsatz von Energie ihre Kosten senken. 2018 wurde der ISO-Standard revidiert.

Audits nach alter Norm noch bis August 2020

Selbstverständlich haben viele Unternehmen aktuell auch noch andere Themen vor der Brust als die Transition auf die ISO 50001:2018. Deshalb hat das International Accreditation Forum (IAF) die Übergansfrist auf den 20. Februar 2022 verlängert. Das bedeutet, dass Audits nach alter Norm (ISO 50001:2011) bis zum 20. August 2020 möglich sind. Ursprünglich war der 20. Februar 2020 als Deadline vorgesehen. Fraglich ist, ob diese Fristverlängerung für die betroffenen Unternehmen wirklich eine Hilfe darstellt. Ein Großteil der Audits wurde aufgrund der Corona-Pandemie verschoben und kann ohnehin erst nach dem 20. August beendet werden.

Ein Knackpunkt: die Kennzahlen

Was ändert sich für die Unternehmen durch die Umstellung auf die neue Norm? In diesem Blogbeitrag möchte ich über persönliche Erfahrungen berichten, die ich im Rahmen von Audits und beim Austausch mit meinen Kolleg*innen gesammelt habe. Eines meiner Lieblingsthemen im Zusammenhang mit der Revision ist die Verbesserung der energiebezogenen Leistung. „Mittlerweile“ wird auch in der ISO 50001 eindeutig gefordert, dass messbare Ergebnisse der Energieeffizienz oder des Energieverbrauchs bezogen auf den Energieeinsatz im Vergleich mit der energetischen Ausgangsbasis vorliegen müssen. Die fortlaufende Verbesserung ist mittels geeigneter Energieleistungskennzahlen (EnPI) nachzuweisen – und genau hier liegt oftmals die Schwierigkeit.

Nicht jede Kennzahl ist wirklich eine EnPI. Der Arbeitsausschuss NA 172-00-09 AA „Energieeffizienz und Energiemanagement“ hat Erläuterungen zu einigen Fragen der neuen Norm veröffentlicht und sich unter anderem auch mit dem Thema Kennzahlen und Verbesserung der energiebezogenen Leistung beschäftigt. Näher beleuchtet werden außerdem die Bestimmung von SEUs (wesentlichen Energieverbrauchern), die Leistungsverschlechterung sowie die Nichterreichung von Zielen und die Bewertung der Verbesserung der energetischen Leistung bezogen auch den Aufbau von Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Für Unternehmen, die die Revision noch vor sich haben, ist das sicherlich eine hilfreiche Lektüre. Als EnPIs gelten Kennzahlen demnach nur, wenn sie nicht durch wesentliche Einflussgrößen verzerrt werden und geeignet sind, die tatsächliche energiebezogene Leistung aufzuzeigen. Des Weiteren wird auch ganz klar bestätigt, dass für jeden SEU mindestens eine EnPI benötigt wird.

Regressionsanalysen in der Diskussion

Unter anderem gibt der Leitfaden ISO 50006 hier weitere Denkansätze für die Festlegung und Quantifizierung relevanter Variablen. Die einfachste Möglichkeit, um die Relevanz der Beziehung zwischen dem Energieverbrauch und einer Variablen – zum Beispiel Temperatur oder Produktionsmenge – zu bestimmen, ist ein entsprechendes X-Y Diagrammen inklusive Trendlinie. In der Praxis ist das leider nicht immer so einfach zu lösen, da ggf. mehrere Variablen einen Einfluss auf den Energieverbrauch haben. Hier erwähnt die Norm statistische Modelle, um die Beziehung zwischen Energieverbrauch und relevanten Variablen mithilfe linearer oder nichtlinearer Regressionen darzustellen.

Regressionsanalysen sind aktuell in aller Munde, wobei hier oftmals auch noch viel Unsicherheit und logischerweise Angst herrscht. Sicherlich ist das Thema nicht ganz einfach, aber das war die Einführung der ISO 50001 bzw. der Revision vermutlich auch nicht.

Energiedaten analysieren

Schritt für Schritt Erkenntnisse gewinnen – und Einsparpotenziale heben

Ich möchte Sie mit diesem Blogbeitrag ermutigen, sich der Thematik anzunehmen und sich nicht abschrecken zu lassen. Sicherlich wurde Rom auch nicht an einem Tag erbaut, und im Zuge der Analyse werden Sie merken, dass teilweise Energiedaten bzw. -messungen „fehlen“. Das ist ganz normal und muss dann eben entsprechend in Angriff genommen werden. Meine Erfahrungen haben gezeigt – und auch ich lerne immer noch dazu – dass produktionsseitig oftmals mehr Daten vorliegen als tatsächlich im ersten Schritt verarbeitet werden können. Sicherlich geht es dann auch um Fragen nach den Schnittstellen oder der Datenqualität – unabhängig vom Damoklesschwert Ressourcen.

Einige Unternehmen haben sich bereits sehr intensiv mit der Thematik beschäftigt – und konnten dadurch weitere Erkenntnisse gewinnen und Einsparpotenziale heben. Das ist schließlich der eigentliche Zweck der ISO 50001. Die Low Hanging Fruits sind größtenteils „abgegrast“, und um weitere Potenziale zu erkennen, müssen die Unternehmen tiefer in den Prozess einsteigen. Sicherlich wird das intern in einigen Fällen zu Rückfragen führen, aber aus meiner Sicht sollte es doch das Ziel sein, von allen Führungskräften und Kolleg*innen belastbare Energieleistungskennzahlen zu ermitteln, damit nicht in jeder Energieteamsitzung nur „Abweichungen“ vom Energieverbrauch besprochen werden und alle Bauchschmerzen vor dem nächsten Audit haben.

Mein Fazit:

Ich kann Ihnen nichts versprechen, aber ich bin mir sicher: Je detaillierter die Erfassung und exakter die Normalisierung, desto geringer werden die zu erklärenden Abweichungen, desto mehr wird die Frustration abnehmen – und desto schneller werden Sie Erfolge erzielen.

Autor des Beitrags

Innocenzo Caria

Innocenzo Caria

Projektleiter Energiemanagement

Innocenzo Caria ist Projektleiter Energiemanagement und stellvertretender Produktverantwortlicher und Auditor für die ISO 50001 bei TÜV Rheinland Cert. Sein Leben steht ganz im Zeichen von Energie: Während er bei TÜV Rheinland zu allen Themen rund ums Energiemanagement auditiert, gerät sein privates Energieeinsparkonzept zuhause angesichts der gerade erfolgten Nachwuchsverstärkung immer mal wieder ins Wanken. Aber als Mitglied der freiwilligen Feuerwehr ist er brenzlige Situationen gewöhnt und bleibt meist ganz cool. Wenn neben Familie und Beruf dann doch mal Zeit übrig ist, geht er neuerdings squashen. Auch wenn das laut eigenem Bekunden andere vielleicht noch nicht Squash nennen würden…

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