Fridays for Future, Klimastreiks, Elektromobilität, Shareconomy, Videokonferenzen statt Reisen: Die globale Pandemie hat auf viele Themen unserer Gesellschaft eine Lupe gerichtet. So auch auf die Textilindustrie, die auf ihren Kollektionen sitzen blieb, weil Geschäfte nicht öffnen durften, Bestellungen storniert wurden oder Menschen einfach weniger konsumiert haben. Schließlich kamen sie in der Homeoffice-Videokonferenz in Jogginghose und Blazer genauso gut rüber wie sonst im kompletten Business-Outfit.

Konsum nachhaltiger und fairer gestalten

Der Momemt, sich das Ganze mal aus einer anderen Perspektive anzuschauen: Konsum ist gut und fördert das Wirtschaftswachstum, zu viel Konsum jedoch ist zerstörerisch für uns und unsere Umwelt. Soziale und ökologische Kriterien sind im Rahmen von Corona wieder in den Diskurs über die Modeindustrie gerückt. Jede*r Einzelne von uns hat die Möglichkeit, dieses wichtige Standbein der globalen Ökonomie durchs eigene Konsumverhalten nachhaltiger und fairer zu gestalten.

Verlängertes Leben für Kleidungsstücke

1,3 Millionen Tonnen Kleidung werden jährlich aus deutschen Kleiderschränken aussortiert und müssen entsorgt werden. Nur ein Prozent wird recycelt, der Rest verbrannt. Wie können wir das ändern? Alle Eltern kennen das „Weiterreichen“ von Kleidung für Kinder. Ein Wahnsinn wäre es, alles brandneu zu kaufen, so schnell wie die Kids wachsen. Also wird getauscht, weitergereicht und gebraucht gekauft. Im nächsten Monat das ganze Spiel von vorn, im Idealfall so lange, bis die Wachstumsschübe der Kleinen vorbei sind. Durchs Weitergeben wird der Kleidung ein längeres Leben und die bestmögliche Verwertung geschenkt. Allein durch die Verlängerung der Lebensdauer von einem auf zwei Jahre werden 24 Prozent CO2-Emissionen eingespart.

TONNEN aussortierte Kleidung jährlich

Die Autorin trägt auf ihrem Foto übrigens auch einen Blazer vom Flohmarkt, der so viel gekostet hat wie eine Bahnfahrkarte in Köln: ca. drei Euro. Und ich bin die dritte Trägerin. Davor trug es meine Flohmarktverkäuferin und davor ihre Freundin. Das sind schon ein paar CO2-Emissionen weniger, als hätten wir drei uns einen neuen gekauft.

Second Hand – eine Frage der Einstellung

Bei meinen ersten Streifzügen über Flohmärkte war ich nicht wenig überrascht, wie viele büro- und alltagstaugliche Outfits dort verkauft werden. Bis dahin dachte ich immer, der Second-Hand-Look sei nichts für mich, weil ich nicht auf zerrissene Jeans, Wollpullis, 80er-Jahre-Mode oder ausgelatschte Sandalen stehe – immer mit diesem Flohmarkt-Kellergeruch, den sicher jede*r kennt. Die Erfahrung vor Ort hat mich eines Besseren belehrt: Ich finde alles, was ich brauche, auch in der Second-Hand-Variante.

Second Hand ist also keine Frage des Stils, sondern der Einstellung.

Und wenn ich etwas nicht ständig oder für immer brauche, dann gehe ich den Weg in die Kleiderei. Dieses Store-Konzept in Köln und Freiburg, bei dem die Mitarbeiterinnen mit Herzblut auf das Problem Fast Fashion und Kleiderverschwendung aufmerksam machen, hat für mich auch Hochzeits-Outfits, Karnevalskostüme oder die passende Strandtasche für den Urlaub, die ich eben nur einmal im Jahr brauche. Denn dort kann ich Kleidung leihen statt sie zu kaufen. Und damit dazu beitragen, die Lebensdauer von existierender Kleidung auf ein Maximum zu verlängern und eine Alternative zu Fast Fashion zu bieten. So gesellt sich zu meinen diversen Streaming- und Sportabos auch ein Kleidungsabonnement.

Vieles wird selten oder nie getragen

Wie, Kleidung leihen? Ja genau. Und das sogar höchst hygienisch und modisch. Dieser Laden ist quasi mein unendlicher Kleiderschrank. Wenn mir etwas zu Hause fehlt, schaue ich dort nach. Wenn ich es nicht finde, ziehe ich weiter und schaue in Second-Hand-Läden, bei Freunden und Freundinnen, auf Flohmärkten oder online in Kleinanzeigen.

Im Durchschnitt wird ein Kleidungsstück nur vier Mal getragen, bevor wir es aussortieren. Fast die Hälfte wird sogar noch seltener oder nie getragen. Weil die Bluse im Laden noch so verheißungsvoll wirkte oder der Anzug die beste Farbe im Licht des Shops hatte. Zu Hause stellen wir fest: Irgendwie doch nicht. Und dann ist es irgendwann zu spät zum Umtauschen oder wir nehmen uns ganz fest vor, dieses Teil doch noch zu tragen. Machen wir aber nie.

im Jahr werden gekauft

60 neue Teile zum Anziehen

60 neue Teile kaufen wir im Durchschnitt jährlich, umgerechnet sind das ca. 200kg CO2, was einem Wasserverbrauch von 180l pro Tag pro Person entspricht. Da können wir ganz schön häufig für baden, oder?

Machen wir aber nicht, weil wir dort direkt vor Augen haben, wie viel Wasser wir damit verbrauchen. Bei dem vierten neuen Shirt im Monat ist das nicht so unmittelbar sichtbar. Da müssen wir schon genauer hinschauen.

Weniger CO2, weniger Wasserverbrauch

Wenn Kleidung geliehen oder Second Hand getragen wird, tragen mehrere dieselbe Kleidung nacheinander und somit häufiger. Das lässt den CO2– und den Wasserfußabdruck stark sinken. Übrigens genauso wie weniger tierische Produkte zu konsumieren. Aber das ist ein anderes Thema.

Das Second-Hand-Prinzip funktioniert nicht nur bei Kleidung, sondern auch bei Möbeln, elektronischen Produkten, Fahrrädern und dem ganzen anderen Krims und Krams, den man so im Leben benötigt. Bei mir ist das meiste Second Hand – und dafür für mich umso wertvoller. Immer mit Geschichte, immer mit einem etwas grüneren Hintergrund als neu.

Aber auch, wer seine Kleidung lieber neu tragen möchte, hat die Möglichkeit, über Fair Fashion ein Zeichen zu setzen. Denn auch die ist längst im modischen Zeitalter angekommen und weit weg vom Hanflook: Sattdessen z.B. Sneaker aus Ananasleder oder Upcycling-Mode aus Plastikflaschen.

Zeichen für nachhaltig hergestellte Textilien: der Grüne Knopf

Wir bei TÜV Rheinland tragen übrigens auch zum nachhaltigen Kleiderschrank bei: mit dem Grünen Knopf. Der Grüne Knopf ist ein globales Siegel mit staatlicher Überwachung. Er kennzeichnet sozial und ökologisch nachhaltig hergestellte Textilien, die von verantwortungsvoll handelnden Unternehmen in Verkehr gebracht werden. Hierbei muss zum einen das geprüfte Unternehmen menschenrechtliche, soziale und ökologische Verantwortung nachweisen. Zum anderen wird das Produkt selbst nach bestimmten sozialen und ökologischen Kriterien überprüft.

Es muss also nicht immer Second Hand sein, aber probiert es doch einfach mal aus. Und wenn ihr mich im Unternehmen oder auf einer Konferenz seht, fragt ruhig, welche der Teile, die ich gerade trage, Second Hand oder Fair Fashion sind. Mal schauen, wie viele wir zusammenbekommen 🙂

In diesem Sinne:

Stil hast du, Kleider leihst du! – *Slogan der Kleiderei.

Autorin des Beitrags

Anna Linn Zafiris

Anna Linn Zafiris

Head of Social Media

Wenn sie nicht Bilder von veganem Essen oder Streetart bei Instagram postet, ist sie meist auf einem ihrer Fahrräder, auf Flohmärkten, beim Spazieren durch Köln oder im Yoga-Studio zu finden. Wenn man sie auch dort nicht antrifft, dann ist sie auf Reisen und erkundet Tempel oder Vulkane in fernen Ländern.

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