Die neue EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen will Europa bis zum Jahr 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent machen. Einen Beitrag dazu könnte die Elektromobilität leisten. Denn im Gegensatz zu konventionellen Verbrennungsmotoren stößt der Elektroantrieb lokal weder Kohlenstoffdioxid noch Kohlenstoffmonoxid oder Stickstoffoxide aus. Somit kann die Nutzung von E-Fahrzeugen innerorts zu einer wesentlichen Verbesserung der Luftqualität führen. Außerdem bietet sich die Chance, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen deutlich zu verringern.

Förderprogramme für Elektromobilität 

In Deutschland gewinnt die Elektromobilität durch Förderprogramme auf Bundes- und Landesebene, Vorgaben für Kommunen und Unternehmen zur Einhaltung von CO2-Grenzwerten sowie drohende Fahrverbote bereits an Dynamik. Zusätzlich zeigt sich ein geändertes Mobilitätsverhalten und Umweltbewusstsein der Bürger, wie die Ergebnisse der letzten Europawahl und aktueller Sonntagsfragen zeigen. Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen steigt – und damit auch das Angebot geeigneter Modelle.

Elektromobilität braucht eine gut ausgebaute Ladeinfrastruktur

Ein entscheidender Faktor für die den erfolgreichen Ausbau der Elektromobilität ist darüber hinaus die passende Ladeinfrastruktur. Um die Akzeptanz der Bürger zu gewinnen, muss die öffentlich verfügbare Ladeinfrastruktur flächendeckend etabliert sein. Selbst wenn ein Großteil aller Fahrten mit dem Auto Kurzstrecken sind, so ist die Möglichkeit, auch längere Strecken zurücklegen zu können, für viele ein wichtiges Entscheidungskriterium. Dank umfassender Förderprogramme seitens der Bundesregierung geht es mit großen Schritten voran, wie der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) berichtet: Rund 17.400 öffentliche Ladepunkte waren Anfang April im BDEW-Ladesäulenregister erfasst – davon 12 Prozent Schnelllader. Ende Juli 2018 waren es noch rund 13.500. Das ist ein Zuwachs von über 3.900 Ladepunkten – also rund 30 Prozent innerhalb von acht Monaten. Dennoch, berücksichtigt man die Prognosen der zukünftig zugelassen Elektrofahrzeuge, muss das Infrastrukturnetz weiter stark ausgebaut werden, um die Nachfrage nach Lademöglichkeiten auch in Zukunft zu befriedigen.

Ladesäulenkarte (Daten: Bundesnetzagentur.de, 08.03.2019)

Ladesäulenkarte (Daten: Bundesnetzagentur.de, 08.03.2019)

Ein Ziel – unterschiedliche Technologien

Einen sicheren Betrieb der öffentlich zugänglichen Ladepunkte soll unter anderem die 2016 verabschiedete Ladesäulenverordnung garantieren. Im Sinne der Interoperabilität wurden technische Mindestanforderungen festgelegt; so sollen Normal- und Schnellladepunkte im Wechselstrombetrieb mit den genormten Kupplungen des Typs 2 und im Gleichstrombetrieb mit Kupplungen des Typs Combo 2 (bzw. Combined Charging System, CCS) ausgerüstet werden. Das CCS ist mittlerweile in Europa, den USA, Korea und weiteren Automobilmärkten etabliert. Dennoch gibt es weiterhin verschiedenste Ausführungen von Ladepunkten hinsichtlich Aufbau, Art des Ladestromkreises (1- und 3-phasiger Wechselstrom und Gleichstrom), Ladeeinrichtung (normale Haushaltssteckdose, CEE-Steckdose, Wallbox, Ladesäule), Ladestrom und Ladeleistung. Im Sommer 2017 wurde die erste Verordnung zur Änderung der Ladesäulenverordnung verabschiedet, um die Nutzerfreundlichkeit weiter zu verbessern. Damit ist der Zugang zu öffentlichen Ladesäulen auch für Nutzer möglich, die explizit keinen laufenden Vertrag (z.B. Abo) mit dem Betreiber abgeschlossen haben.

Verwirrung im Tarifdschungel

Für Nutzer öffentlicher Ladestationen stellt sich zuallererst die Frage nach den Ladekosten und der Abrechnung. Hier gibt es zurzeit unterschiedliche Modelle. Die einfachste Art wäre die Abrechnung nach kWh, allerdings ist dies nur in Einklang mit dem neuen Mess- und Eichgesetz (MessEG) möglich. Um dem MessEG gerecht zu werden, genügt es nicht, einen eichrechtskonformen Zähler einzubauen. Denn §5 MessEG besagt, dass alle Regelungen für Messgeräte in gleicher Weise auch auf Zusatzeinrichtungen anzuwenden sind. Das Gesetz verlangt, ähnlich wie beim konventionellen Tanken, einen transparenten Ladevorgang, bei dem die erhaltene Leistung überprüft werden kann.

Da die Abrechnung im Gegensatz zum Tanken meist nur elektronisch vonstatten geht, kommt das Thema Datensicherheit zum Tragen. Die erfassten Werte müssen für die Rechnungsstellung manipulationssicher zum Back-End-System übertragen und vom Nutzer validiert werden können. Erst wenn neben der Erfassung auch der komplette Abrechnungsvorgang eichrechtskonform ist, kann eine Baumusterprüfbescheinigung seitens des Physikalisch-Technischen Bundesamts ausgestellt werden. Immer mehr Hersteller rüsten ihre Ladesäulen entsprechend nach. Allerdings ist dies in absehbarer Zeit nur für Ladesäulen möglich, die mit Wechselstrom laden. Denn für Schnellladesäulen, die auf Gleichstrom zurückgreifen, gibt es bisher kaum Hersteller, die einen eichrechtskonformen Gleichstromzähler anbieten und diesen auch in ausreichender Stückzahl produzieren können.

Bis zum 1. April dieses Jahres lief eine Übergangsfrist, in der eine Abrechnung pro Zeiteinheit oder Pauschalbeträge ohne Konformitätsbewertung durch die Eichrechtsbehörde möglich waren. Das Bundeswirtschaftsministerium hat darüber hinaus eine Übergangsregelung beschlossen, um eine Stilllegung zu verhindern. Betreiber haben dadurch die Möglichkeit bekommen, eine Fristverlängerung zu erwirken; der Nachrüstplan muss allerdings von der Landeseichbehörde bestätigt werden.

Die kurze Auflistung zeigt: Momentan werden verschiedenste Abrechnungsmodelle am Markt praktiziert. Pro kWh, pro Minute oder auch in Form von Pauschalbeträgen. Berücksichtigt man nun noch die von Ladesäulenbetreibern angebotenen Tarife, in denen Vergünstigungen für monatliche Fixbeträge erkauft werden, und unterschiedliche Roaming-Netzwerke, verliert selbst der engagierte Early-Adopter den Überblick oder auch die Lust, sich damit auseinanderzusetzen.

Den Überblick behalten: Beratung durch Experten

An diesem Punkt kann eine Unterstützung durch externe Experten sinnvoll sein: In Kooperation mit seinen Partnern hat etwa TÜV Rheinland Consulting ein Gesamtkonzept für den Aufbau und Betrieb von Ladeinfrastruktur entwickelt. Hierbei werden unter anderem geeignete Technologien identifiziert und georeferenzierte Daten erhoben, um passende Standorte zu finden. Der zügige Ausbau einer betreiber- und nutzerfreundlichen Infrastruktur ist in jedem Fall wünschenswert. Alle Beteiligten sollten an einem Strang ziehen, damit klimaschonende Formen der Mobilität weiter an Fahrt aufnehmen können.

Autor des Beitrags

Carlo Kammler

Carlo Kammler

Network Consulting & Planning

Carlo Kammler beschäftigt sich im Fachbereich Network Consulting & Planning intensiv mit den Themen Elektromobilität und Ladeinfrastruktur. Der studierte Ökonom (M.Sc.) berät hierbei sowohl den öffentlichen Sektor als auch Unternehmen. Seit 2016 ist er bei der TÜV Rheinland Consulting GmbH tätig und betreut Projekte auf nationaler sowie internationaler Ebene – von der intelligenten Stromversorgung bis zur technischen Umsetzungsberatung für ein innovatives Ladesäulenkonzept in der Automobilindustrie.

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