Ich bin Egoist und ich habe Vorurteile. Außerdem bin ich Radfahrer. Und das in Berlin. Zusammengenommen macht einen das manchmal schier verrückt. Ähnliches sagen in letzter Zeit immer mehr aus meinem Freundeskreis. Gleichermaßen bedenklich ist, dass es in Städten unter Radfahrern einen enormen Anstieg an Allergien gebe soll.

Einführung der E-Scooter

Neben den schon länger bekannten Diesel- und Benzin-Allergien, würden seit Kurzem heftige Fälle von Elektro-Allergie auftreten. Kann das Zufall sein, dass das neue Krankheitsbild bei Radfahrern zeitlich ausgerechnet mit der Einführung der E-Scooter zusammenfällt? Genügend Zeit für einen genaueren Blick sollte schon sein! Schließlich beschäftigen die Elektrotretroller nicht bloß Radfahrer wie mich, sondern uns alle bereits eine ganze Weile und garantiert auch noch erheblich länger.

Darf man mit einem E-Scooter auf dem Bürgersteig fahren?

Seit 15. Juni haben allergische Reaktionen unter Radfahrern in Städten stark zugenommen. Auslöser sind zwar die E-Scooter, doch der Autoverkehr ist das eigentliche Problem. Welchen Stellenwert der nachhaltige Individualverkehr mit Fahrrad und E-Scootern hat, lässt sich sowohl am ursprünglichen Vorhaben als auch am umgesetzten Plan von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer gut nachvollziehen. Ursprünglich sollten Fußgänger und E-Scooter-Fahrer sich die Gehwege teilen, für Radfahrer alles so bleiben wie gehabt und die Straße auch weiterhin vorwiegend den Kraftfahrzeugen gehören. Dass der Gehweg ausschließlich den Fußgängern und Rad fahrenden Kindern gehören sollte, ist für mich unstrittig. Doch für Einsicht bei Bundesminister Scheuer sorgten erst die Proteste von Sozialverbänden und die Einwände der Länder im Bundesrat. Dass vor allem Autos in den Städten Fahrspuren und Parkplätze abgeknapst werden müssten, aber politisch viel zu wenig umgesetzt wird, ist der tiefere Grund für die Allergien der Radfahrer.

Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung

Am 15. Juni 2019 trat die „Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung“ in Kraft. Seitdem dürfen E-Scooter mit einer allgemeinen Betriebserlaubnis des Kraftfahrtbundesamtes ganz offiziell am Straßenverkehr in Deutschland teilnehmen. Seitdem sind die Straßen in Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Köln noch voller geworden. Pardon, Straßen stimmt natürlich nur halbwegs, da sich Elektroroller und Fahrräder überwiegend auf Radwegen drängen. Wo auf handtuchschmalen Radwegen vorher schon großes Gedränge herrschte, ist es noch größer geworden. Die E-Scooter haben so unter den Radfahrer für rasche Ausbreitung der Elektro-Allergie gesorgt, aber die Kommunen nicht für mehr Platz für Räder und nachhaltige Roller.

E-Scooter in Deutschland

Da es entlang vieler Straßen oft gar keine Radwege gibt, müssen Rad- und Scooterfahrer oft sogar gemeinsam leidvoll die Defizite der Verkehrspolitik erfahren. Autofahrer genießen auf Straßen zwar keine Vorrechte, aber ein SUV oder Mittelklassewagen benötigt nun mal weit mehr Platz als ein Fahrrad oder E-Scooter. Berliner Studenten haben für ein Projekt errechnet, dass Autos im öffentlichen Raum 19-mal mehr Fläche zur Verfügung haben (58 Prozent) als Fahrräder (3 Prozent). Daraus leiten zahlreiche Autofahrer das Vorrecht ab, dass ihnen die Straße gehört, was gelegentlich durch aggressives Fahren auch durchgesetzt wird.

Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung: Helmpflicht wäre sinnvoll

Mitte Juni hat Minister Scheuer seine „Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung“ für E-Scooter unterschrieben. Darin sind unter anderem auch die für E-Roller geltenden technischen Anforderungen, Prüfbedingungen, Prüfverfahren und Verhaltensregeln festgehalten. Eine Mindestgröße für Vorder- und Hinterräder sucht man darin jedoch genauso vergebens wie die Helmpflicht, die die TÜV Rheinland-Experten ebenfalls vermissen. Dass ich auf meine Frage, warum das für die „Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung“ verwendete Kürzel „eKFV“ mit dem Kleinbuchstaben „e“ beginnt, eine Antwort bekommen würde, habe ich nie ernsthaft erwartet. Der Begriff „Elektrokleinstfahrzeuge“ hat jedenfalls etwas Euphemistisches und klingt sogar irgendwie niedlich, solange diese Kleinstfahrzeuge keine unangenehmen Hindernisse auf Geh- und Radwegen darstellen und weder kreuz noch quer stehend oder liegend einen Slalomkurs markieren oder als Barrikaden den Weg versperren.

Ohne Schadstoffe – und per Muskelkraft

E-Scooter sind als Fahrzeug für die letzte Meile gedacht, heißt es. Ich nehme seit 25 Jahren für innerstädtische Strecken fast nur noch das Rad. An Tagen mit strömendem Regen, bei Schnee und Eis oder wegen einiger andere Gründe bleibt es nur gelegentlich im Keller. Wenn ich mit den Öffentlichen oder dem Auto fahre, vermisse ich mein Rad fast umgehend. Denn die Fahrt ist gesünder, oft schneller und sowieso ökologischer. Zusammen kommen wir auf gut 90 Kilo, die bewegt von Muskelkraft durch die Stadt rollen. Ein SUV wiegt dagegen etwa zwei Tonnen, braucht mehr Platz, viel Sprit, emittiert Schadstoffe und fährt meist auch nur mit einer Person durch die Gegend.

Fahrrad für die tägliche Wegstrecke

Im Schnitt benutzen übers Jahr gesehen 13 Prozent der Berliner das Fahrrad für ihre tägliche Wegstrecke, 28 Prozent nehmen dafür das Auto. In den Niederlanden nutzen 31 Prozent der Bewohner jeden Tag das Rad. Aber warum fährt man E-Scooter? Zu faul zum Gehen? Zu bequem zum Radfahren? Und wie sieht die Ökobilanz der Produktion und des Aufladens aus? Bisher ist das nicht wirklich bekannt. Eines steht aber fest: umweltfreundlicher als Radfahren ist nur noch Gehen.

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13 % der Berliner nutzen TÄGLICH das Rad

Radwege wurden 2018 in Berlin gebaut

Fahrradstadt Berlin?

Wenn Berlin, wie angekündigt, tatsächlich Fahrradstadt werden will, dann braucht es größere Anstrengungen. Jedenfalls sichtlich mehr als im Jahr 2018, als weniger als 3 Kilometer neue Radwege gebaut wurden. Pro Einwohner entspricht das einem Betrag von 3,80 Euro, die in den Radverkehr investiert wurden. In Kopenhagen waren es im gleichen Zeitraum pro Kopf 35,60 Euro, in Oslo 70 Euro, absolute Spitze war jedoch Utrecht mit 132 Euro.

Zustand der Infrastruktur

Nicht nur die Berliner, sondern der deutschlandweite Zustand der Infrastruktur sieht so aus: Die Radspuren sind meist zu schmal, häufig nicht vom Autoverkehr getrennt und immer wieder blockieren geparkte Autos und Lieferwagen den Radweg. Gefährlicher Platzmangel. Natürlich denke ich in solchen Situationen zuerst an mich – als Radfahrer. Deshalb bin ich ja auch ein Egoist. Wenn der Egoist an sich denkt, dann ist auch an andere gedacht, weil es um die Sicherheit im Verkehr, weniger Schadstoffe und Lärm sowie das Klima geht.

Autor des Beitrags

Wolfram Stahl

Wolfram Stahl

Pressesprecher Berlin

Pressesprecher am Standort Berlin. Früher Hörfunk-Redakteur, Reporter und Moderator beim WDR in Köln, dann Korrespondent in Berlin. Einer, der von Vielem wenig und von Wenigem viel weiß. Deshalb bestens geeignet als Generalist, dafür ziemlich talentfrei Spezialist. Besondere Fähigkeit: sich rasch in ein Thema einzuarbeiten nach der Devise: Einfach machen! Im doppelten Sinne. Denn nichts ist so kompliziert, als dass es nicht verständlich gemacht werden könnte. Und da Ungeduld eine meiner größten Stärken ist, fällt mir Machen sowieso leichter als Warten.

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