Umwelt und Sicherheit im innerstädtischen Verkehr unter einen Hut zu bringen scheint eine Herausforderung. Jetzt lässt Mobilitätsminister Andreas Scheuer E-Scooter für den Straßenverkehr zu und läutet damit endlich die Verkehrswende ein. Naja, zumindest zum Teil. Bei Fußgängern wächst die Sorge um die eigene Gesundheit, bei Radfahrern wächst ein Proteststurm heran. Nur die Platzhirsche auf unseren Innenstadtstraßen schauen den neuen Regeln für Elektro-Tretroller offenbar relativ gelassen entgegen: die Autofahrer. Sie haben ja auch Raum genug, um sich sicher zu bewegen.

Wer sich wie in Städten bewegt?

Die Frage, wer sich wie in Städten bewegt, um von A nach B zu kommen, ist davon abhängig, wo man wohnt. In Berlin wird ein Drittel aller Wege zu Fuß zurückgelegt, 28 Prozent mit dem Auto, 27 Prozent mit öffentlichen Verkehrsmitteln und 13 Prozent mit dem Rad. In Oyten bei Bremen mit seinen 16.000 Einwohnern dominiert das Auto mit 54 Prozent, öffentliche Verkehrsmittel spielen dagegen gar keine Rolle, mit dem Rad und zu Fuß sind vergleichbar viele Menschen unterwegs wie in der Hauptstadt.

Deutschland ist eine Autofahrernation

So oder so steht aber fest: Deutschland ist eine Autofahrernation. Es ist immer wieder erstaunlich, weil man sich fragt, wo all die Autos herkommen oder hinwollen, aber trotzdem: Der Pkw-Bestand ist 2018 erneut um 600.000 Fahrzeuge gewachsen auf inzwischen 47,1 Millionen, alle Kraftfahrzeuge zusammengenommen sind es sogar sagenhafte 65 Millionen. Bald haben wir es geschafft und wir haben mehr Kraftfahrzeuge als Einwohner in Deutschland.

Fahrzeuge 2020 in Deutschland

E-Scooter Straßenzulassung: die Platzangst wächst

Das heißt aber auch: Der Platz auf den Straßen wird immer enger. Das spüren Autofahrende im Stau. Für Radfahrerinnen oder Fußgänger wird es gerade in Großstädten zunehmend riskant. Um die gewagten Herausforderungen im Straßenverkehr noch um eine neue Dimension zu bereichern, stehen jetzt also die „Elektrokleinstfahrzeuge“ in den Startlöchern. Gemeint sind die ungemein praktischen E-Scooter. Geplant war zunächst Folgendes: Die kleinen Elektroroller sollten künftig entweder auf den Gehweg (bis 12 km/h) oder aber auf den Radweg beziehungsweise die Straße (bei Scootern bis Tempo 20) losgelassen werden. Ansonsten soll zunächst eher wenig geregelt werden: eine Haftpflichtversicherung ist erforderlich, Mindestalter 12 beziehungsweise bei den schnelleren Scootern 14 Jahre. Keine Helmpflicht, keine Mofa-mäßige Prüfbescheinigung oder ähnliches.

Das alles – gepaart mit dem relativ günstigen Preis und praktischen Mobilitätsdiensten, wie die per App buchbaren „Scooter to go“ – wird wohl dazu beitragen, dass die neuen Flitzer sich schnell etablieren. Hoffentlich. Denn genauso wie Pedelecs oder Leihräder könnten die Elektroroller Schritt für Schritt das Straßenbild in unseren Metropolen verändern. Weg vom Auto, denn der Straßenraum gehört allen, die mobil sein wollen. Das müssen wir allerdings erst wieder lernen – nach Jahrzehnten der autodominierten Innenstadtstraßenentwicklung.

Gespaltene Autofahrernation

20 km/h ist ein hohes Tempo für ein kleines Gefährt, wenn der E-Scooter auf der Straße oder dem Radweg mitschwimmt. 12 km/h sind wiederum auf dem Bürgersteig eine vergleichsweise hohe Geschwindigkeit. Inzwischen ist die Idee, langsamere E-Scooter auf dem Gehweg nutzen zu dürfen, auch vom Tisch. Dafür haben Widerstände von Verkehrssicherheitsorganisationen, von Blinden- und Behindertenverbänden, Versicherern und Fußgängerlobby gesorgt.

Die gesamte Diskussion zeigt aber: Die Balance zwischen dem Anliegen für Umweltschutz und der Sicherheit darf nicht verloren gehen. Diese Balance zu halten ist allerdings schwer. Denn fragt man die Menschen in Deutschland, zeigt sich die (Auto-)Nation derzeit vollkommen gespalten: Verschiedene Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Civey unter anderem im Auftrag von TÜV Rheinland vom April 2019 bestätigen das. Generell begrüßt ein Drittel der Menschen in Deutschland die Zulassung der E-Scooter. Negativ bewerten die Zulassung knapp 45 Prozent, rund 20 Prozent sind in der Frage unentschieden. Autofahrer (ablehnend 46 %) sind dabei etwas skeptischer als Radfahrer (42 %), Frauen deutlich ablehnender (47 % dagegen) als Männer (39 %), und – wenig überraschend – ältere Menschen über 50 Jahren (mehr als 45 %) eher gegen eine Zulassung als die unter 30-Jährigen (nur 25 % ablehnend). Scootern macht Jüngeren einfach mehr Spaß.

Gegen E-Roller auf Bürgersteigen

Die weitergehende Frage, ob E-Roller bis 12 km/h auf Bürgersteigen fahren sollten, stieß auch bei den Umfragen auf eindeutige Ablehnung. 59 Prozent aller Befragten lehnten die geplante Gehwegnutzung ab, gut 32 Prozent befürworteten diese. Auch hier war die Ablehnung bei Älteren und bei Frauen vergleichsweise noch höher.

%

Gegen Gehwegnutzung von E-Rollern

Vorsicht mag grundsätzlich berechtigt scheinen. Unfallmeldungen aus anderen Ländern – Israel! – lassen das vermuten. Allerdings plädiere ich jetzt schon für Sachlichkeit in der Analyse der dann vorzunehmenden Betrachtung von Unfallursachen. Wenn, wie in Berlin im April geschehen, ein E-Rollerfahrer bei Rot die Fußgängerampel überquert und angefahren wird, hat das nichts mit dem Gefährt, aber viel mit der fahrlässigen Missachtung von Verkehrsregeln zu tun. Das lernt man schon in der Kita: Grüngänger leben länger.

Mut statt Übermut

Wir sollten den großangelegten bundesweiten Fahrversuch mit Andi Scheuer und den E-Scootern wagen. Mutige Experimente sind erforderlich, um eine Verkehrswende Schritt für Schritt herbeizuführen. Natürlich lösen die Elektroroller allein keine Verkehrsprobleme. Natürlich darf aus Mut nicht Übermut oder Leichtsinn werden. Aber zu große Regelungswut könnte von Anfang an dazu führen, dass es innovative Verkehrsmittel gar nicht bis auf die Straße schaffen.

Je vielfältiger die potenziellen Verkehrsmittel sind, desto vielfältiger wird das Straßenbild. Weg von der motorisierten Monokultur. Damit sich das Straßenbild in unseren Städten ändert, ist aber vor allem eines dringend erforderlich: Der Abschied von der ichbezogenen Bequemlichkeit und einer Ich-komme-zuerst-Mentalität, die den Paragrafen 1 der Straßenverkehrs-Ordnung als lästige Empfehlung für andere ansieht – besonders wenn ich in einem wunderbar großen und (für mich) sicheren SUV sitze. In Paragraph 1 der StVO heißt es: „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.“ Und weiter: „Wer am Verkehr teilnimmt, hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder, mehr als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.“ Versuchen wir das doch einfach ersthaft zu beherzigen – egal ob am Steuer eines 40-Tonners, im SUV, als Radfahrer, Fußgänger oder auf unserem frisch zugelassenen Elektrokleinstfahrzeug.

Autor des Beitrags
Jörg Meyer zu Altenschildesche

Jörg Meyer zu Altenschildesche

Pressesprecher

Mein Name ist Jörg Meyer zu Altenschildesche. Ich wohne an der holländischen Grenze, was gut auszuhalten ist, da ich Fritten Spezial mag, in Köln arbeite und deshalb jeden Tag den Dom sehe. Ich bin Pressesprecher bei TÜV Rheinland, spreche aber nicht nur, sondern schreibe auch gern – und das schon seit über 40 Jahren. Natürlich gab es damals noch keine Computer oder so etwas (zumindest nicht bei uns zu Hause; immerhin hatten wir viele Lochkarten zum Spielen, weil mein Vater in einem Rechenzentrum gearbeitet hat). Aber viele von den Themen, die mich bewegen, waren damals auch schon spannend (oder sie wurden es sehr bald). Fußball oder Umweltschutz, Globalisierung oder Mobilität, dieses geniale Internet oder gleich die ganze Welt.

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