Ich bin einer dieser Dauerläufer mit dem Arbeitszeugnis „Er war stets bemüht“. Unsere Arbeitsmedizinerinnen sagen uns immer: 10.000 Schritte am Tag. Mach das mal als Bürostuhlsitzer. Aber immerhin, ich laufe regelmäßig, auch wenn es langweilig ist. Ich gehöre auch zu den wenigen, die – obwohl sie eine Stunde am Stück unterwegs sind – keine Stöpsel im Ohr haben und dabei Musik hören. Warum? Weil ich die Natur und Umgebung wahrnehmen will und es genieße, einfach bei mir zu sein. Da kommen mir die besten Ideen.

Wenn Telefon und Walkman mit dem Fernseher und Computer fusionieren

Das mit dem „Umgebung wahrnehmen“ hat in den letzten Monaten (Jahren?) eine besondere Eigendynamik bekommen, mit der ich so nicht gerechnet habe. Dabei geht es aber nicht um Jogger, sondern um normale Fußgänger. Dem mobilen (also sich bewegenden) Menschen kommt offenkundig zugute (naja …), dass der „Walkman“ von früher inzwischen mit dem Telefon (und sogar dem Fernseher und Computer) zu dem so genannten Smartphone fusioniert ist. Heißt smart nicht intelligent? Wie auch immer: Das neue Mobiltelefon besitzt nicht nur Ohrstöpsel zum Hören von Musik oder zum Telefonieren, sondern auch einen Bildschirm und eine Tastatur. Klein, aber fein. Damit lassen sich schöne Bilder und Filme gucken und damit lässt sich auch auf wundersame Weise kommunizieren. Voraussetzung hierfür ist allerdings, die Augen dem Smartphone-Bildschirm zu- und damit von der Umgebung abzuwenden.

Konzentriert auf alles, außer auf das Wesentliche

Unsere Mamas und Papas haben schon immer gemahnt, dass es keine so gute Idee sei, laut Musik zu hören, wenn wir auf der Straße unterwegs sind. Jetzt sind wir selbst Mamas und Papas und der technische Fortschritt hat alles überholt, was sich der gesunde Menschenverstand früher einmal vorstellen konnte. Menschen, sagen wir mal alle U 50, bewegen sich im privaten oder öffentlichen Raum mit auf das Handy-Display gesenktem Blick, hochkonzentriert auf alles, außer auf ihre Umgebung.

Keine gute Idee, eher eine schlechte. Unfallforscher mahnen zu Recht. Auch wenn es bislang kaum vernünftige Statistiken gibt, sind Polizei und andere Experten einhellig der Auffassung: Die Zahl der Unfälle durch Ablenkung nimmt zu. Schweizer Fachleute gehen davon aus, dass jeder vierte Unfall im Straßenverkehr durch Ablenkung verursacht wird; das betrifft nicht nur Fußgänger, sondern alle. Unser oberster Führerscheinexperte hier beim TÜV Rheinland sagt ja immer: Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht. Aber Vorsicht und Rücksicht ohne zu sehen ist schwer. Klingt irgendwie plausibel.

 

„Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.“

Straßenverkehrs-Ordnung § 1 (1)

 

Das National Safety Council in den USA hat gerade vermeldet, dass die Zahl der Unfälle, bei denen Ablenkung durch das Mobiltelefon eine Rolle spielt, deutlich angestiegen ist. Untersucht wurde der Zeitraum 2000 bis 2011, aber das sind auch nur (belastbare) Schätzungen.

Wie von Sinnen

Eigentlich ist es relativ simpel: Die Kolleginnen des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) gehen davon aus, dass wir Menschen rund 90 Prozent der Informationen aus der Umwelt über die Augen aufnehmen, wenn sie unterwegs sind. Könnte hinkommen. Die restlichen 10 Prozent dürften zu einem großen Anteil aufs Hören entfallen. Ganzheitliche Smartphone-Nutzung (im Straßenverkehr) macht blind und taub, ist also eigentlich ziemlich unsmart.

Warum diese gar nicht smarte und exorbitante Mobiltelefonnutzungsrate? Vielleicht ist es die Routine, wenn wir unterwegs sind auf bekannten Wegen. Langeweile und Gewohnheit spielen gewiss eine Rolle. Wie schnell haben wir das Smartphone schon wieder in der Hand, ohne darauf noch zu achten? Auch schlechte Vorbilder und positive Erfahrungen (passiert doch nix) dürften uns darin bestärken, dass Mobilität und Smartphone zusammenpassen. Aber seien wir ehrlich: Vor allem treibt die Neugierde das Handy aus der Tasche in die Hand. Keine Selbstkontrolle. Wir sind der Technik nicht gewachsen. Wir haben die Technik und uns nicht unter Kontrolle. Und davon nehme ich mich nicht aus. Wie soll ich dann aber meiner Tochter klar machen, dass auf dem Fahrrad oder zu Fuß gehend eine hundertprozentige „Smartphoneabsorbtionsrate“ der persönlichen Aufmerksamkeit äußerst gesundheitsschädlich sein kann?

Mobil ohne Mobiltelefon? Das geht!

Also Schluss. Denn es ist so einfach. Heiße ich etwa Barack oder Franziskus oder Wladimir und muss sekündlich die Welt retten? Deshalb habe ich jetzt mit einer speziellen Handydiät begonnen. Ich benutze mein Mobiltelefon nur noch, wenn ich selbst nicht mobil bin, also stehe oder sitze. Das ist gar nicht so einfach, aber ich arbeite dran. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass ich es schaffe.

Übrigens: Die genannten, aktuellen Zahlen aus den USA von Mitte Juni 2015 bestätigen, dass wir (nicht nur Männer) nicht zum Multitasking geboren sind: 52 Prozent der „Durch das Handy abgelenkt“-Unfälle geschehen nicht im Straßenverkehr, sondern beispielsweise zu Hause. 68 Prozent der Verunglückten sind Frauen, 54 Prozent sind 40 Jahre oder jünger.

Schon mal gesehen, wie viele Menschen auf der Treppe statt den Handlauf das Mobiltelefon festhalten (und nutzen)? Das sind alles amerikanische Präsidenten oder deutsche Bundeskanzlerinnen, glaube ich. Also modifizieren wir unseren Gesundheitstipp vom Anfang: Gesünder bleibt, wer 10.000 Schritte am Tag macht – ohne Handy in der Hand.

Dank an meine Kolleginnen und Kollegen Viktoria Atherley, Anna Linn Zafiris, Anja Zynda und Alexander Schneider für die sachdienlichen Hinweise.

Zum Stöbern (im Sitzen bitte):

Einige gute Gründe für eine Handydiät.

Wer sich nicht unter Kontrolle hat, freut sich vielleicht über diese Apps.

Und diesen Zaubertrick der Polizei in der Schweiz mal gucken – aber nur, wenn keine Kinder zugegen sind.

Autor des Beitrags

Jörg Meyer zu Altenschildesche

Jörg Meyer zu Altenschildesche

Pressesprecher

Ich wohne an der holländischen Grenze, was ich gut aushalte, da ich Fritten Spezial mag, in Köln arbeite und deshalb jeden Tag den Dom sehe. Ich bin Pressesprecher, spreche aber nicht nur, sondern schreibe auch gern – und das seit fast 50 Jahren. Viele Themen, die mich bewegen, waren damals schon spannend: Fußball oder Umweltschutz, Globalisierung oder Mobilität, soziale Gerechtigkeit, Digitalisierung oder gleich die ganze Welt.

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