Der Newsroom von TÜV Rheinland schreibt in diesem Tagebuch über aktuelle Themen und Herausforderungen, aber auch Chancen, die uns in der Corona-Krise derzeit beschäftigen. Unser Anspruch ist es auch andere Kolleginnen und Kollegen zu Wort kommen zu lassen, damit wir möglichst facettenreich über das Thema berichten können. Heute gibt es deshalb keinen klassischen Tagebuch-Eintrag, sondern ein Interview mit Diplom-Psychologin Annette Walter von den Arbeitsmedizinischen Diensten bei TÜV Rheinland über den Umgang mit Ängsten.

Frau Walter, wir befinden uns aktuell durch die Corvid-19-Pandemie in einer noch nie dagewesenen Situation. Viele Menschen haben große Sorgen. Wie sollten wir damit umgehen?

Wachsamkeit, Unsicherheit und Besorgnis sind in dieser Situation ganz normal. Schließlich liefert jeder Tag neue Anlässe, sich zu sorgen und zu grübeln. Wir können einfach nicht verhindern, dass sorgenvolle Gedanken auftauchen. Das liegt an unserer Biologie: Unser Gehirn scannt eingehende Informationen sofort und ohne Beteiligung unseres Bewusstseins in Bruchteilen von Sekunden nach den Kriterien „Defizit, Fehler und Gefahr“ – das ist ein überlebenswichtiger Mechanismus, den wir nicht willentlich beeinflussen können.

Wie beeinflusst uns das gesundheitlich?

Aus dieser Bewertung der eingehenden Informationen entstehen überwiegend negative Gedanken, die in uns Stressreaktionen anstoßen können. Wenn wir also viele negative Informationen aufnehmen, aktiviert das immer wieder unsere Stressreaktion. Das kann zu gesundheitlichen Problemen wie Schlafstörungen und vegetativer Erregung führen.

Was können wir tun, um besser damit umzugehen?

Zum einen können wir aktiv darüber entscheiden, wie viel Raum wir diesen Sorgen geben. Begrüßen Sie Ihre sorgenvollen Gedanken freundlich „Ach, da seid ihr ja wieder. Ich weiß, ihr wollt mich warnen.“ Schreiben Sie Ihre Sorge auf einen Zettel, den Sie in eine verschließbare Kiste legen. So müssen Sie ihn nicht im Kopf behalten – er geht ja nicht verloren. Ist die Kiste voll, dürfen Sie sich alle Sorgen noch einmal kurz anschauen und dann ganz feierlich an einem sicheren Ort verbrennen.

Manchmal überwältigt uns die Fülle negativer Informationen. Was dann?

Hier hilft ein Gedankenstopp – je früher, desto besser. So geht es: Stoppen Sie die sorgenvollen Gedanken freundlich, aber bestimmt. Sagen Sie innerlich – falls Sie allein sind auch laut – „Stopp“! Nehmen Sie drei tiefe und vollständige Atemzüge, schenken Sie sich innerlich ein Lächeln und wenden Sie sich bewusst und aktiv „Gute-Laune-Gedanken“ oder „Gute-Laune-Aktivitäten“ zu, die garantiert zu positiven Gefühlen führen.

Wie lassen sich diese guten Gefühle am besten finden?

Gute Gedanken führen zu guten Gefühlen. Fragen Sie sich: Was ist momentan gut in Ihrem Leben? Wofür können Sie dankbar sein? Achten Sie ganz besonders auf Ihre Worte – sie können positive oder eben auch negative Gefühle auslösen. Statt „Ich bin am Ende – ich kann nicht mehr“ können Sie sich sagen „Ich brauche eine Pause – ich muss erst einmal wieder Energie schöpfen“. Überlegen Sie, was Sie kurzfristig aufheitern kann. Schauen Sie sich lustige Bilder oder Filme an, lesen und teilen Sie Witze mit anderen Personen.

Also alles reine Kopfsache?

Nicht ganz. Wir können auch unsere Körperhaltung nutzen, um unsere Gedanken und Gefühle zu verändern. Sitzen Sie zusammengesunken mit hängenden Schultern und herabgesunkenen Mundwinkeln herum? Nehmen Sie ganz bewusst eine zuversichtliche, aufgerichtete Haltung ein, lächeln Sie, atmen Sie tief und fest und schauen Sie geradeaus. Kommen Sie in Bewegung, gehen Sie zügig oder tanzen Sie durch das Zimmer.

Und was, wenn die Sorgen dann noch immer drängend erscheinen?

Dann schreiben Sie alle Möglichkeiten auf, die Sie haben, um ihnen zu begegnen. Was können Sie konkret tun, wenn sich die Sorgen bewahrheiten? Halten Sie sich hier streng an das Motto: „Ich kann und werde auch diese Situation in meinem Leben meistern. Ich bin nicht allein, Ich kann mir Hilfe holen.“

“Kleine Sorgen machen große Worte, große Sorgen sind stumm.”

Deutsches Sprichwort

Autorin des Beitrags

Annette Walter

Annette Walter

Diplom-Psychologin

Diplom-Psychologin Annette Walter arbeitet seit mehr als 15 Jahren als Supervisorin, Managementberaterin, Trainerin und Coach. Zu ihren Schwerpunkten zählen die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz sowie der Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitenden.

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