Alle reden vom Klima. Wir auch. Reden ist zwar wichtig. Aber hilft ja bekanntlich nicht, wenn es folgenlos bleibt. Was also können wir konkret tun, um unseren CO2-Fußabdruck zu verringern und dazu beizutragen, die Ziele aus dem Pariser Klimaabkommen zu erreichen? Mit „wir“ meine ich zum einen jeden Einzelnen ganz persönlich. In meinem Umfeld treffe ich viele Menschen, die nicht nur überlegen, sondern handeln – von weniger Fleischkonsum über Fahrradfahren zur Arbeit und Verzicht auf Inlandsflüge, oder, oder, oder… Fast kein Alltagsthema, bei dem Nachhaltigkeit nicht mindestens mitbedacht wird und mehr und mehr bei den eigenen Entscheidungen berücksichtigt wird. So weit, so gut. Auch wenn wir von Klimaneutralität noch weit entfernt sind – ein Anfang ist gemacht.

Klimaziele verkünden reicht nicht

Aber mit „wir“ meine ich auch alle, die in und für Unternehmen oder Organisationen arbeiten. Denn für die meisten von uns ist das Privatleben nur ein Teil der Existenz. Von montags bis freitags verbringen wir immerhin mindestens ein Drittel unserer Lebenszeit im Büro, in der Werkstatt, im Labor, kurz: auf der Arbeit. Auch hier verkünden mehr und mehr – meist größere – Unternehmen ambitionierte Ziele der Klimaneutralität. Dabei hört man von vielen spannenden und teils sehr konkreten Maßnahmen. Ebenfalls: so weit, so lobenswert.

Allerdings ist mein Eindruck: Diese Maßnahmen kommen oft aus der Strategie- oder CSR-Abteilung und werden von der Konzernspitze verkündet. Das verleiht den einzelnen Unternehmensbereichen das Gefühl, das „ja schon etwas getan wird“, das Unternehmen „auf dem richtigen Weg ist“. Für einen echten Bewusstseinswandel in Bezug auf CO2-Ausstoß genügt das nicht.

Ein CO2-Budget für Führungskräfte

Wie wäre es, wenn jeder einzelne Bereich eines Unternehmens nicht nur über ein finanzielles Budget, sondern auch über ein CO2-Budget verfügte – nach dem Motto „Der Preis bestimmt das Bewusstsein“? Für alle, die nicht in einem größeren Unternehmen arbeiten, mag das wenig spektakulär erscheinen. Auch mir als Laie in Sachen Unternehmenssteuerung war die Bedeutung des Budgets nicht klar, als ich vor gut sechs Jahren bei TÜV Rheinland gestartet bin. Heute weiß ich: Erst das vorgegebene beziehungsweise mit dem Vorstand ausgehandelte Budget für den eigenen Bereich ermöglicht die Spielräume, mit denen wir beispielsweise die Kommunikationsarbeit für das Unternehmen steuern können. Und bestimmt letztlich wesentlich die Entscheidungen für einzelne Maßnahmen, Investitionen, Projekte.

Wenn Führungskräfte in Unternehmen neben dem Finanzbudget auch ein CO2-Budget bekämen, würden sie häufig anders entscheiden. In einem fiktiven Beispiel bekäme dann ein Bereich ein Budget von beispielsweise 50 Tonnen CO2 für das Gesamtjahr. Doch das bevorstehende internationale Meeting verbraucht wegen der Flugreisen bereits 4 Tonnen pro Mitarbeitendem. Was also tun? Auf jeden Fall würde die verantwortliche Führungskraft viel intensiver darüber nachdenken, ob nicht eine Videokonferenz ausreicht. Voraussetzung, damit diese neue Art der Unternehmenssteuerung funktioniert: Die CO2-Kompensation über Zertifikate wäre verboten, da sonst keine echten Einsparungen direkt im Unternehmen erzielt werden, sondern Bereiche sich quasi „freikaufen“ können.

Wenn die Computerrecherche mehr CO2 verursacht als das Reisen

Ob das wirklich funktionieren kann? Es ist sicherlich eine große Herausforderung, Daten zum CO2-Ausstoß für jeden einzelnen Unternehmensbereich zu ermitteln. Und noch viel schwieriger wird das bei den Lieferanten. Wer kennt schon die CO2-Bilanz seines Dienstleisters? Bei der Ermittlung entsprechender Daten hilft zum Beispiel TÜV Rheinland. So hat TÜV Rheinland-Experte Norbert Heidelmann für den WDR-Reporter Robin Schäfer die CO2-Bilanz ermittelt, die er für seine Recherche für den „Autokorrektur“-Podcast im WDR verbraucht hat. Mit überraschenden Ergebnissen: Am meisten haben seine Computerrecherchen verbraucht, obwohl er – überwiegend mit der Bahn und Elektroautos – 3.500 Kilometer für die Recherchen gereist ist. Grundlage der Berechnung war die Annahme, dass er 50 Gigabyte Daten für die Recherche brauchte – das ergibt 325 Kilogramm CO2 (pro Gigabyte Daten 6,5 Kilogramm).

Die Berechnung ist also möglich. Und schließlich wissen wir immer ganz genau, wie viel Dienstleistungen in Euro oder US-Dollar kosten. Erst, wenn Führungskräfte den CO2-Preis ebenfalls auf der Rechnung sehen und ein CO2-Budget bekommen, werden sie und damit Unternehmen auf der Mikroebene anders entscheiden. Denn wer sein Budget nicht einhält, verliert die Spielräume zur Entscheidung. Was könnte schmerzhafter für Entscheiderinnen und Entscheider sein?

Autor des Beitrags

Alexander Schneider

Alexander Schneider

Unternehmenskommunikation

Als Redakteur in der Unternehmenskommunikation bei TÜV Rheinland tätig. Immer auf der Suche nach spannenden Geschichten und Themen, die sich gut erzählen lassen. Davon gibt es im Unternehmen reichlich. Von Haus aus Historiker mit einem Faible für Lateinamerika. Wollte immer was mit Medien machen und hat deshalb lange für ein bekanntes Verlagshaus im Frankfurter Gallusviertel gearbeitet. Lebt als Zugezogener sehr gerne in Köln, weil die Stadt der Beweis ist: Autosuggestion funktioniert. Nirgendwo sonst findet sich trotz so ausgeprägter Bausünden ein solcher Lokalpatriotismus. Und das macht einfach Spaß – ebenso wie das Radfahren zur Arbeit. Fällt inzwischen sogar schon bei Besuchen in Berlin als Kölner auf, weil er einfach mal mit den Leuten redet.

Meist gelesene Beiträge

Ladeinfrastruktur

Elektromobilität – Ladeinfrastruktur auf dem Vormarsch

Das neue Jahrzehnt steht ganz im Zeichen des Klimaschutzes – und zu den großen Herausforderungen zählt eine klimaschonende (Elektro-)Mobilität. Eine wichtige Etappe ist das neue Emissionsziel der EU.
Stellenanzeigen

Sexy Titel, keine Bewerber? Stellenanzeigen auf dem Prüfstand

War for Talents, Fachkräftemangel, demografischer Wandel – alles bekannte und beliebte Themen im Buzzword-Bingo unter Personalfachleuten. Der Arbeitsmarkt wird für Unternehmen schwieriger.
Digitale Trends

Digitale Trends 2020: Denkanstöße für mehr Sicherheit

Cybersecurity Trends 2020: Was bedroht unsere digitale Gesellschaft – und wie können wir uns davor schützen? TÜV Rheinland benennt sieben Trends zu aktuellen Cyberbedrohungen.

Kommentare

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.