Digitale Souveränität für jede und jeden lebt von der technischen Möglichkeit, die Hoheit über die eigenen Daten zu haben – und von dem Willen, sich dieser Möglichkeit zu bedienen.

Wie können wir die Hoheit über unsere Daten behalten?

Digitale Souveränität ist eines der Schlagwörter des Jahres. Meist geht es dabei darum, wie wahlweise Europa, Deutschland oder einzelne Unternehmen sich aus der Abhängigkeit von Technologiekonzernen aus anderen Weltregionen lösen können, ohne dadurch gravierende Nachteile zu erfahren. Doch digitale Souveränität ist nicht nur eine politische Debatte für Denkfabriken in Brüssel oder Berlin. Sondern sie betrifft auch jede Einzelne und jeden Einzelnen von uns. Wie können wir die Hoheit über unsere persönlichen Daten behalten, wenn wir nur gar zu gern die bequemen Angebote nutzen, die Internetkonzerne (und nicht nur diese) für uns bereitstellen? Anders ausgedrückt: Wie lässt sich die weit verbreitete Daten-Unmündigkeit beenden?

Technische und mentale Voraussetzungen

Eine Antwort hierauf muss sowohl die technischen als auch die mentalen Voraussetzungen berücksichtigen. Zur Technik: Wir müssen überhaupt erst die Möglichkeit haben zu entscheiden, wer wann welche Daten von uns erhält und was sie oder er damit tun darf – und was nicht. Oft genug ist das derzeit nur unter großen Mühen oder gar nicht möglich. Und haben wir einmal irgendwo unser Häkchen gesetzt, lesen wir nur im Ausnahmefall später nochmal nach, welcher Datennutzung wir da eigentlich zugestimmt haben. Ein Grund: Die Nutzungsbedingungen sind oft so umfassend und zugleich schwer verständlich formuliert, dass wir den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Wenn wir ihn denn überhaupt sehen wollen.

Ausgang aus der selbstverschuldeten Daten-Unmündigkeit

Und damit kommen wir zu den mentalen Voraussetzungen: Auch die besten technischen Lösungen bringen nichts, wenn die Menschen sie schlicht nicht anwenden. Aufklärung tut also not. Und was der Philosoph Immanuel Kant 1784 zum Begriff Aufklärung geschrieben hat, lässt sich ohne weiteres auf die Datenaufklärung übertragen: 

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“
Immanuel Kant

Das „Privacy Paradoxon“

Wenn wir in diesem Zitat den Begriff „Verstand“ durch „Daten“ ersetzen – die ja nichts anderes als ein Ausfluss unserer Handlungen in einer digitalisierten Welt sind –, wird klar, dass wir in Bezug auf unsere persönlichen Daten sehr oft unmündig handeln. Obwohl wir in Befragungen mit überwältigender Mehrheit angeben, wie wichtig uns der Datenschutz ist. Diesen Widerspruch hat die Universität St. Gallen in einer umfassenden Studienreihe mit Befragungen und Experimenten im Auftrag von TÜV Rheinland erst kürzlich wieder bestätigt gefunden. „Privacy Paradoxon“ nennen das die Forscher*innen.

Wie eine überzeugende technische Lösung für mehr Souveränität insbesondere bei Daten aus Fahrzeugen aussehen kann, haben wir bei TÜV Rheinland in der genannten Studienreihe untersuchen lassen. Denn wir sind überzeugt: Ein Umgang mit Daten, der Vertrauen schafft, wird immer wichtiger – für diejenigen, die ihre Daten hergeben und für diejenigen, die sie nutzen möchten. Schließlich ist es äußerst schwierig und aufwendig, einmal zerstörtes Vertrauen wiederherzustellen.

Studienreihe von TÜV Rheinland und Universität St. Gallen zum Umgang mit Daten

Datentreuhänder als mögliche Lösung

Was also kann auf Seiten der Verbraucherinnen und Verbraucher mehr Vertrauen schaffen? Vorgeschlagen wurde in der Studienreihe unter anderem ein Datentreuhänder. Dieser Treuhänder, so das Szenario, sorgt als neutrale Instanz dafür, dass die Datenfreigaben der Nutzerinnen und Nutzer eingehalten und alle anderen Daten anonymisiert werden, bevor sie an Hersteller oder weitere Interessierte weitergeleitet werden.

Und tatsächlich, so ein zentrales Forschungsergebnis: Eine unabhängige dritte Partei wie ein TÜV-Unternehmen als Datentreuhänder sorgt für signifikant mehr Vertrauen auf Seiten der Verbraucherinnen und Verbraucher in den verlässlichen Umgang mit ihren Daten – und zwar unabhängig davon, ob es beispielsweise um Daten aus vernetzten Fahrzeugen oder von Smartphones geht. Spannend außerdem: Wenn dieses Vertrauen gegeben ist, sind Verbraucher auch eher bereit, die Daten zu teilen.

Fazit:

Das Ende der Daten-Unmündigkeit lässt sich erreichen – wenn wir selbst es wollen und wenn wir Mechanismen der Datenweitergabe finden, die Vertrauen schaffen statt Vertrauen zu zerstören.

Autor des Beitrags

FRANZISKA WEISER

FRANZISKA WEISER

LEITUNG KOMPETENZFELD DIGITALE MOBILITÄTSSERVICES

Franziska Weiser kümmert sich im Future Mobility Solutions Team um den Bereich „Digitale Mobilitätsservices“ und hat dort die Projektleitung für die Entwicklung der „Datentreuhänderplattform für Flottenservices“. Sie ist immer auf der Suche nach neuen Erfahrungen – beruflich oder privat. Egal ob sie durch die Entwicklung neuer Services im Bereich von shared economy, Connected Car Data oder dem digitalen Schadensmanagement entstehen oder beim Segeln durch Alaska, Okonomiyaki-Essen in Japan oder Klettern im Himalaya Gebirge eintreten.

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