2017 müssen wir den Aufmarsch und Aufstand der Aufrechten sehen – oder untergehen.
Anonymus, überzeugter Demokrat
Wir können sprechend und handelnd eingreifen in diese sich zunehmend verrohende Welt.
Carolin Emcke

Der Stammtisch wird größer

Da haben wir naiven Laien immer gedacht, Datenklau und Datenschutz und Überwachungsstaat und Überwachungskameras wären die großen Bürgerrechtsthemen beim Umgang mit dem Internet und unserem Smartphone, modernsten digitalen Technologien und Social Media. Weit gefehlt. Oder anders ausgedrückt: alles Lüge. Das abgelaufene Jahr hat uns eindrucksvoll vor Augen geführt, dass eine Kombination aus Hackerangriffen, Fake News und ungehörigem Verhalten ideal dazu geeignet ist, einen Wahlkampf kreativ zu gestalten, aktiv zu beeinflussen, die Demokratie in Frage zu stellen. Das Recht auf freie und ungehemmte Meinungsäußerung wird zum Risiko für die Demokratie.

Das vermeintlich Neue ist im Grunde altbekannt: Früher waren die wichtigsten Medien (und Quellen) der Klatsch und Tratsch im Dorf und der Stammtisch in der Eckkneipe. Heute ist dieser Stammtisch etwas größer geworden und nennt sich – ganz globalisiert – Social Media. Dazu passt der moderne englische Begriff Fake News, um das Phänomen zu bezeichnen. Wobei ich selbst den Begriff Fake News für deplatziert halte. Treffender sind die schönen deutschen Entsprechungen: Unterstellung, Lüge. Der Bruder heißt Gerücht. Na gut. Wichtiger ist, dass die „News“ ihre Glaubwürdigkeit ohne jede weitere Überprüfung aus der gleichen, alten Quelle beziehen: der „persönlichen“ Bekanntschaft des Absenders. Eine Freundin, ein Familienmitglied (eine Kollegin) sagen das (posten das), also stimmt es. Heute ist es ein „Facebook-Freund“, der für die „Wahrheit“ steht. Das ist nur menschlich.

Gepostet statt geprüft

Richtig kritisch ist diese Feststellung aber in Kombination mit einer anderen Information (einer nicht postfaktischen, hoffe ich). Alain Zucker schrieb in seiner Analyse des US-amerikanischen Wahlkampfes in der Neuen Züricher Zeitung: „Heute beziehen 62 Prozent der amerikanischen Erwachsenen Nachrichten aus den sozialen Medien, fast die Hälfte davon bei Facebook.“ Nachrichten wohlbemerkt. Das habe ich nicht geprüft, hört sich aber schlimm an. Denn bekanntlich wird bei Facebook nicht geprüft, sondern gepostet.

Hinzu kommt aus Sicht von Alain Zucker die Glaubwürdigkeitskrise der „klassischen“ Medien, Stichwort „Lügenpresse“. Diese Krise funktioniert so: Medien müssen (und sollen) auswählen, sie sollen mir Orientierung geben, die Welt für mich einordnen. Das wird zu einem Bumerang, wenn die Mediennutzer zu dem Schluss kommen, dass „die Medien“ die wichtigen Sachen („die Wahrheit“) weglassen oder verschweigen oder verzerren. In den „sozialen Netzwerken“ erfahre ich dagegen die ungefilterte „Wahrheit“, und zwar direkt von meinen Freunden. Der Umgang von Facebook mit dieser Verantwortung ist hier nicht das Thema (dazu beispielhaft Till Krause und Hannes Grassegger im SZ-Magazin).

Das Versagen klassischer Medien

Als Tüpfelchen auf dem I und als Beweis für den Niedergang klassischer Medien und die These der Lügenpresse werden der Brexit und der Wahlsieg von Trump angeführt: Alle „Medien“ haben doch immer behauptet, der Brexit findet nicht statt. Alle haben doch immer gesagt, Clinton gewinnt. Egal ob in Großbritannien, den USA oder Deutschland oder sonst wo. Alle haben sie die Wahrheit nicht erkannt und verschwiegen, so die Kritiker.

2017 mit drei Landtagswahlen und der Bundestagswahl wird zeigen, wie wir in Deutschland zum Postfaktischen, zu Fake News und beim Umgang mit den Medien dastehen. Vielleicht bringt ja sogar schon die Wahl des Bundespräsidenten überraschende Erkenntnisse in Sachen Fake News und deren Einfluss auf unsere Demokratie, wenn wir erfahren, was „wirklich“ der Topkandidat mal gemacht hat (oder haben soll). Wir erwarten gespannt die Enthüllungen.

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten

Wir bei TÜV Rheinland beobachten all das als Unternehmenssprecher kritisch und wir können die Entwicklung nicht gutheißen – auch wenn uns neue Techniken mehr Möglichkeiten in der Gestaltung eigener Nachrichtenkanäle geben, sei es im Internet, in diesem Blog hier oder bei Youtube, auf Twitter, in Facebook, Google plus, Linkedin und Xing.

Wir bemühen uns, einige goldene Regeln der Kommunikation zu befolgen, die unserem Leitbild und unserer Verantwortung gegenüber Wirtschaft und Gesellschaft entsprechen. Dazu zählen Transparenz – soweit irgend möglich –, Verlässlichkeit und hoher Informationsgehalt der Auskünfte. Auch Redlichkeit und Respekt, also sachliche Auseinandersetzungen mit Kritikern, gehören dazu. Und der wichtigste Grundsatz für jeden (Pressesprecher): Lüg‘ niemals. Das werden wir auch künftig beherzigen. Doch was bedeutet es, wenn jemand alles das ignoriert, beleidigt und lügt und trotzdem am 20. Januar 2017 als neuer US-amerikanischer Präsident vereidigt wird?

„Mit einer Lüge kannst Du einmal essen, aber nicht zweimal“, sagt ein afrikanisches Sprichwort. „Einmal essen reicht doch“, antwortet darauf lächelnd Donald Trump, dreht sich um und geht ins Oval Office, wo der Tisch stets gedeckt ist. (Das war jetzt postfaktisch.)

Trump hat zwei Monate seit seiner Wahl verstreichen lassen und erst am 11. Januar 2017 wieder eine Pressekonferenz gegeben. Dafür twittert @realDonaldTrump für seine 18,7 Millionen Follower pausenlos.

Autor des Beitrags

Jörg Meyer zu Altenschildesche

Jörg Meyer zu Altenschildesche

Pressesprecher

Mein Name ist Jörg Meyer zu Altenschildesche. Ich wohne an der holländischen Grenze, was gut auszuhalten ist, da ich Fritten Spezial mag, in Köln arbeite und deshalb jeden Tag den Dom sehe. Ich bin Pressesprecher bei TÜV Rheinland, spreche aber nicht nur, sondern schreibe auch gern – und das schon seit über 40 Jahren. Natürlich gab es damals noch keine Computer oder so etwas (zumindest nicht bei uns zu Hause; immerhin hatten wir viele Lochkarten zum Spielen, weil mein Vater in einem Rechenzentrum gearbeitet hat). Aber viele von den Themen, die mich bewegen, waren damals auch schon spannend (oder sie wurden es sehr bald). Fußball oder Umweltschutz, Globalisierung oder Mobilität, dieses geniale Internet oder gleich die ganze Welt.

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