Fast täglich ist es in sozialen Medien, TV und Presse präsent – das Trendthema „Agiles Arbeiten“. Auch beliebt: „Arbeitswelt 4.0“, „Agiles Projektmanagement“ oder „Agile Softwareentwicklung“. Begriffe, denen wir uns in der modernen Arbeitswelt stellen müssen. Neben der Digitalisierung geht es dabei vor allem auch darum, Arbeitsprozesse und neue Vorhaben flexibler und schneller umsetzen zu können – dafür braucht es Agilität. Wie kann ich als Mitarbeiter oder als Unternehmen effektiv und kurzfristig auf Veränderungen reagieren?

Flexibel auf neue Herausforderungen reagieren

Sieht man sich die Definition von „Agilität“ im angesehenen Gabler Wirtschaftslexikon an, so findet sich dort: „Agilität ist die Gewandtheit, Wendigkeit oder Beweglichkeit von Organisationen und Personen bzw. in Strukturen und Prozessen. Man reagiert flexibel auf unvorhergesehene Ereignisse und neue Anforderungen. Man ist, etwa in Bezug auf Veränderungen, nicht nur reaktiv, sondern auch proaktiv.“

Ich selber komme in meinem Job als IT-Demandmanager seit mehreren Jahren immer wieder mit dem Thema Agilität in Berührung. Nahezu jedes Vorhaben oder Projekt soll und will gerne agil getrieben sein; es gilt, flexibel auf neue oder zusätzliche Anforderungen zu reagieren. Einführung eines neuen Tools zur Projektsteuerung – agil. Klar. Ebenso das Aufsetzen der neuen Unternehmensbroschüre. Was ist mit der Anpassung des bestehenden Ticketing-Systems für ausländische Niederlassungen? Länderübergreifendes Projekt. Natürlich auch agil. Man denkt und lebt im Job 4.0 quasi nur noch agil – ein Allheilmittel? Oder aus der Not geboren? Wirklich so neu?

Agilität – im Ehrenamt ein Muss

Neben meinem Job bei TÜV Rheinland engagiere ich mich seit 15 Jahren aktiv im Tierschutz. Es mag vielleicht etwas übertrieben klingen – aber im Tierschutz und auch im Bereich des Ehrenamts im Allgemeinen geht es nicht anders, als „agil“ zu sein. Im Gegensatz zu Unternehmens-Projekten fehlen bei akuten Vorhaben oft Geld – die meisten Vereine sind auf Spendengelder angewiesen – und Ressourcen. Ein Hund wird an der Autobahnraststätte ausgesetzt – wer kann ihn abholen und zum Tierarzt fahren? Wir brauchen mehr Spender – wer kümmert sich um neue Flyer und einen Aufruf auf der Homepage oder in den sozialen Medien? Wer übernimmt die Koordination und Einteilung für das große Sommerfest? Tausend Fragen und Aufgaben, und immer muss kurzfristig jemand gefunden werden, der eine kurzfristige Lösung hat bzw. die Aufgabe übernehmen kann. Das geht nicht ohne Agilität.

Letztes Jahr habe ich eine Spendensammlung für rumänische Straßenhunde organisiert. Ein kleines Tierheim mitten in Rumänien hatte Alarm geschlagen. Es fehlte an allem: Warme Decken, um die notdürftig zusammengebauten Hütten der Hunde vor dem kalten Winter in Osteuropa zu schützen. Futter natürlich, denn die Streuner haben Hunger. Aber auch Baumaterial oder ausrangierte, noch funktionsfähige Waschmaschinen und Trockner wurden dringend benötigt. Und alles sollte wenn möglich kurzfristig in Rumänien sein. Was tun? Wie soll das in der kurzen Zeit funktionieren? Das Zauberwort war wie so oft Agilität (was jedoch auch durch Improvisation ersetzt werden könnte).

Bei deratigen Aktionen im Ehrenamt gibt es Product Owner und Scrum Master – hier vergleichbar mit den Rollen des Projektleiters und des inhaltlich Verantwortlichen – in einer Person, vielleicht sogar auch noch den Sponsor des Ganzen in Personalunion. Keine Zeit für vernünftiges Requirements Engineering oder wöchentliche, sogenannte „Sprints“ bzw. klar definierte Arbeitsabschnitte – hier ist alles ein einziger Sprint, zumal alles in der knapp bemessenen Freizeit stattfinden muss.

 

Ungeahnte Kräfte werden frei

Wie schön und geregelt geht es da zumeist im Berufsleben zu. Projektleiter, Scrum Master, Project Sponsor und vor allem Project Team – alles ist vor dem Start definiert. Im Vergleich zu meiner „Arbeit“ im Ehrenamt nahezu paradiesische Zustände. Ich habe mir schon oft gewünscht, mal derart definierte und strukturierte Rahmenbedingungen im Ehrenamt zu haben, zumal es dort zumeist um (Über-)Leben geht und jede nicht stattfindende Aktion manchmal Leben kostet. Die positive Seite der Medaille ist, dass durch diesen „Druck“, Leben zu retten oder Lebewesen zu helfen, sehr oft ungeahnte Kräfte frei werden, neue Prozesse sich quasi von alleine generieren oder Ressourcen und Fähigkeiten von Menschen zum Vorschein kommen, die ohne diese Bedingungen nie erkannt worden wären.

So ein Mix aus beruflicher und ehrenamtlicher Agilität – das wäre es doch! Ich persönlich versuche daher, beide Seiten – die berufliche und die ehrenamtliche – „voneinander lernen zu lassen“, so dass ich für beide Seiten das Optimale rausholen kann.

Um die weiter oben gestellte Frage zu beantworten: Nein, agiles Arbeiten ist nicht neu. Es hat lediglich mittlerweile massiv in die Arbeitswelt Einzug gehalten und wird nach und nach immer mehr optimiert und durch wirklich gute Software-Tools – wie beispielsweise Trello oder JIRA, welches bei TÜV Rheinland zum Einsatz kommt – unterstützt.

Autor des Beitrags

Christoph Bois

Christoph Bois

IT Demand Manager

Christoph Bois ist als IT Demand Manager für die Business Streams „Industrial Services” und „Digital Transformation & Cybersecurity” verantwortlich. Er ist seit 2011 zertifizierter Projektmanager und beschäftigt sich – in unterschiedlichen Branchen – seit 20 Jahren intensiv mit den Themen Projekt-, Portfolio- und Demand-Management. Da er in seinem Berufsleben bereits für „beide Seiten“ gearbeitet hat, sieht er sich in seinem Job in erster Linie als „Dolmetscher“ zwischen dem operativen Business und der IT. Der gelernte Wirtschaftswissenschaftler, der ein besonderes Faible für Kanada hat, ist seiner Heimatstadt, dem rheinischen Lohmar, bis auf die Jahre des Studiums an der Universität Wuppertal bis heute treu geblieben. Seine Herzensangelegenheit ist der Tierschutz, wo er seit fünfzehn Jahren ehrenamtlich tätig ist.

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